Sie haben eine Wohnung, die Kinder eigene Zimmer. Anoosh Bet-Benjamin und ihre Kinder Jilbert (hinten) sowie Jizek leben in Zschopau.
Foto: Trautmann
Ohne Wohnheime geht es auch künftig nicht
Umsetzung des Kreistagsbeschlusses, mehr Asylbewerber in Wohnungen unterzubringen, wird nicht von heute auf morgen erfolgen
Annaberg-Buchholz/Zschopau. Der vom Kreistag im Juni beschlossene Umzug einer großen Mehrheit Asylbewerber aus Heimen in Wohnungen wird "nicht von heute auf morgen" erfolgen, das sei ein permanenter Prozess. Das sagte "Freie Presse" Peter Mühl, Referatsleiter für Ordnungsangelegenheit im Landratsamt. Mit großer Mehrheit entschieden die Räte, Familien, Ehepaare ohne Kind, Einzelpersonen mit Kind, ältere und kranke Menschen sowie Einzelpersonen mit psychischen Belastungen und nach Einzelfallprüfung ähnlich gelagerte Fälle dezentral in Kommunen unterzubringen.
Damit war der Kreistag weitergegangen, als es das Gesetz vorschreibt, denn der Beschluss sieht größtenteils eine Pauschalisierung der Fälle und somit keine Einzelfallprüfung vor. Peter Mühl sieht darin "eine Willensbekundung des Kreistages", verweist auf Gesetze, die eingrenzen, welche Personen in eine Wohnung ziehen dürfen: "Menschen mit gesundheitlichen Problemen nach Bestätigung durch den Amtsarzt und bei Vorliegen humanitärer Gründe." Er verweist darauf, dass die Zahl Asylbewerber die in Wohnungen leben, in den vergangenen drei Jahren gestiegen ist. Zur Kreisfusion 2008 seien 19 Prozent dezentral untergebracht gewesen, derzeit seien es 25 Prozent, "darunter vor allem Familien".
Vorreiter der dezentralen Unterbringung war der alte Mittlere Erzgebirgskreis. Zunehmend würden auch im Altkreis Annaberg asylsuchende Menschen nicht mehr in Heimen leben, sagte der Ausländerbeauftragte des Kreises, der Krumhermersdorfer Pfarrer und Leiter der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Zschopau (KEZ), Johannes Roscher. Ihn hat der Beschluss des Kreistages "nicht überrascht". Er sieht darin eine Untermauerung dessen, was im mittleren Erzgebirge und der Annaberger Region schon "länger praktiziert wird". Und er hat eine ganz eigene Interpretation der im Beschluss genannten Personengruppen: "Eigentlich betrifft das alle Asylbewerber. Wer längere Zeit im Heim untergebracht ist, bekommt psychische Probleme." Doch Johannes Roscher bleibt realistisch: "So umfassend eine Umsetzung des Beschlusses wünschenswert wäre, ist sie doch kaum praktikabel."
Für Neuankömmlinge, die nach Ankunft in Deutschland innerhalb zweier Tage in den Erzgebirgskreis vermittelt werden, eine Wohnung zu finden, sei "unmöglich". Und er schlussfolgert: "Ganz ohne Heimunterbringung wird es auch künftig nicht gehen." Trotzdem sei eine Übergangszeit von Heim zu Wohnung von "einem halben Jahr wünschenswert, ein Jahr ist praktikabel", sagt er. Und er berichtet von Härtefällen: Von Menschen - und das sei "nicht zumutbar" - die schon länger als sechs Jahre in einem Heim leben. Dort sollen laut Verwaltungsvorschrift vom 26. Juni 2009 eine Wohn- und Schlafraumfläche von sechs Quadratmetern pro Bewohner nicht unterschritten und in einem Raum nicht mehr als fünf Bewohner untergebracht werden. Auf fünf Bewohner sollen ein Waschbecken, eine Dusche auf zehn entfallen.


