Ein Waschbärenpaar hat es sich auf einem Baum gemütlich gemacht. Ein Waschbärenpaar hat es sich auf einem Baum gemütlich gemacht.

Foto: Härtelpress

Eingeschleppte Pflanzen und Tiere besiedeln das Erzgebirge

Riesenbärklau kann Allergien auslösen - Waschbär gilt als schlimmer Nesträuber

Zschopau/Marienberg. Im Erzgebirge haben sich Arten angesiedelt, die eigentlich gar nicht dahin gehören. Im Vergleich zur angestammten Tier- und Pflanzenwelt sind das Neulinge, die irgendwann eingeschleppt wurden. Zu den bekanntesten Vertretern gehören wegen ihrer gesundheitsschädigenden Wirkung Gewächse wie Riesenbärenklau und Ambrosia. Allein schon deren Pollen können allergische Reaktionen der Augen und Atemwege auslösen. Andere Eindringlinge wie der Weberknecht - ein Spinnentier, das weder über Gift- noch über Spinndrüsen verfügt - hinterlassen kaum Spuren.

Fachleute sprechen von Neozoen, wenn es sich um Tiere handelt, beziehungsweise von Neophyten bei Pflanzen. "Diese Arten haben die Grenzen ihres natürlichen Vorkommens mithilfe des Menschen überschritten. Von selbst hätten sie das nicht hinbekommen, zumindest nicht in dieser Geschwindigkeit", beschreibt der Rübenauer Biologe Kay Meister deren Besonderheit. Dabei ging die Ausbreitung seinen Worten nach noch nie so rasant vonstatten wie im zurückliegenden 20. Jahrhundert. "Das hängt mit den globalen Warenströmen zusammen, aber auch damit, dass der Mensch heute die Möglichkeit nutzt, die ganze Welt zu bereisen." Dabei trägt er mitunter ungewollt blinde Passagiere im Gepäck. Der Vorsitzende des Vereins Natura Miriquidica erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Vereinsmitglied von einer Kroatien-Reise zurückgekehrt war. "Beim Wäscheaufhängen kam ein Skorpion zum Vorschein, der die Tortur in der Waschmaschine unbeschadet überstanden hatte." Anschließend lebte das Tier noch ein Jahr im Terrarium. "In freier Natur hätte der Skorpion jedoch nicht überlebt. Deshalb ist er auch kein Neozoon", fügt Meister hinzu.

Allerdings gibt es eingeschleppte Tiere und Pflanzen (zusammen als Neobiota bezeichnet), die mit dem Erzgebirgsklima ganz gut zurechtkommen und von denen kaum jemand Notiz nimmt. Für Aufsehen sorgen Neophyten und Neozoen erst, wenn sie sich rasant ausbreiten und dabei heimische Tiere und Pflanzen verdrängen. Kay Meister spricht von invasiven Arten. Dazu zählt er den Waschbär, der inzwischen bis in die Kammlagen des Erzgebirges vorgedrungen ist. Die aus Nordamerika stammende Art wurde einst als Nutztier in Pelztierfarmen gehalten. Einige Exemplare konnten offenbar ausbüxen und fanden hier hervorragende Lebensbedingungen. "Als schlimmer Nesträuber wird der Waschbär vor allem Brutvögeln gefährlich", sagt Meister.

Bei Pflanzen gilt zum Beispiel die Lupine als invasive Art. Für Naturschützer ist es besonders ärgerlich, wenn die auf der Roten Liste Sachsens als stark gefährdet eingestufte Arnika verdrängt wird. "Beide Pflanzen kommen mit mageren Böden aus. Die Lupine besitzt überdies den Vorteil, dass sie sich mithilfe von Knöllchenbakterien Nährstoffe aus der Luft besorgen kann", erklärt Meister. Naturschützer versuchen, solche invasiven Arten von den bekannten Arnika-Standorten - etwa im Oberen Schwarzwassertal - fernzuhalten. Der Rübenauer spricht von einer Art Güterabwägung: "Man versucht, ein Leben mit dem anderen aufzuwiegen. Das scheint bei Pflanzen nicht so schlimm, bei Tieren allerdings oft schwieriger zu sein", verweist der Biologe auf Emotionen, die dabei meistens eine Rolle spielen. "Wer sagt uns denn, dass wir den Waschbären schießen müssen, damit Brutvögel überleben können?", fragt Kay Meister.

Die Möglichkeiten, gegen Neobiota erfolgreich anzukämpfen, sind seiner Ansicht nach ohnehin begrenzt. "Wir können zwar versuchen, Neozoen und Neophyten zu dezimieren. Mir ist jedoch kein Fall bekannt, bei dem wir eine Art wieder ganz wegbekommen haben. Vielleicht sollte das auch gar nicht das Ziel sein. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass nach der letzten Eiszeit sämtliche Tiere und Pflanzen in Europa eingewandert sind", gibt der Biologe zu bedenken.

 
erschienen am 18.02.2012 ( Von Mike Baldauf )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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