Zwei Bagger reißen die Pflasterung auf dem Vorplatz der Shedhalle auf, damit Versorgungsleitungen verlegt werden können.
Foto: Toni Söll
Baustart für Sachsens größte Kita
Die Verwandlung der Flöhaer Shedhalle in ein Kinderdorf hat begonnen
Flöha. Thomas Conrad packt an. Besser: Er lässt anpacken. Nämlich die Schaufel seines Baggers. Die kracht immer wieder auf die Pflastersteine auf dem Vorplatz der Shedhalle. Dann schiebt die Schaufel unter Conrads Lenkung die Steine zusammen und transportiert sie zu einer Sammelstelle. "Wir brechen den Straßenbelag auf, um dann die Erde ausheben zu können", erklärt der Baggerführer. Ziel sei, parallel zum Eingangsportal einen Graben auszuheben. Darin sollen die Versorgungsleitungen versenkt werden: Wasser, Strom und Heizung.
Der Bagger ist das gut sichtbare Signal: Der Umbau der Shedhalle in der Alten Baumwolle Flöha zum Kinderdorf hat begonnen. Im historischen Gebäude aus dem Jahr 1900 werden Krippe, Kindergarten und Hort untergebracht. Mit 370 Plätzen wird es die größte Kindereinrichtung Sachsens sein. "Es gibt kein anderes Projekt in Sachsen in dieser Dimension", hatte Oberbürgermeister Friedrich Schlosser behauptet, als sich Sachsens Innenminister Markus Ulbig (beide CDU) vor drei Wochen in Flöha über das Vorhaben informierte. Das sächsische Sozialministerium hatte damals allerdings auf Anfrage der "Freien Presse" ein Bauprojekt in Dresden genannt, das ähnlich groß sei. Eine weitere Anfrage bei der Stadt Dresden ergab nun: Flöha sticht die Landeshauptstadt aus. Die Einrichtung im Stadtteil Albertstadt, die im Frühjahr 2013 fertig gestellt werden soll, wird "nur" 310 Plätze vorhalten - 60 weniger als das Kinderdorf.
Im August 2013, wenn in Deutschland ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige eingeführt wird, ist das Kinderdorf zwar noch nicht fertig; Ende 2013 soll es so weit sein. "Doch dann werden wir eine der wenigen Städte in Deutschland sein, die allen Eltern für verschiedene Arten der Kinderbetreuung einen Platz anbieten können", sagt Hauptamtsleiter Wolfgang Meyer.
In die Shedhalle (vorn) werden zweistöckige Gebäude hineingesetzt. Zwischen ihnen entstehen Lichthöfe.
Foto: Visualisierung: Obermeyer Planen + Beraten
Damit der ehrgeizige Zeitplan eingehalten werden kann, hofft Andreas Thiele auf einen milden Winter. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens Hoch- und Tiefbau Rochlitz, für das auch Baggerführer Conrad arbeitet. Die Firma ist für den Rohbau verantwortlich - mit zwei Millionen Euro der lukrativste Auftrag - und wird in den nächsten Monaten der Hauptakteur auf der Baustelle sein. "Bis zu 20 Mitarbeiter werden vor Ort sein", sagt Thiele. Vor ihnen liegen komplexe Aufgaben. Gebäudeteile, die stehen bleiben sollen, müssen gesichert, andere abgebrochen werden. Zum Beispiel müssen nach Thieles Angaben Decken abgetragen werden, die auf für die Statik wichtigen Elementen liegen. Trotzdem bleibt der Geschäftsführer gelassen. "Wir haben schon öfter in historischen Gebäuden gebaut. Am wichtigsten ist eine gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten."
Dafür ist das Planungsbüro Obermeyer verantwortlich. Ein Architektenteam des Chemnitzer Unternehmens hat das Kinderdorf entworfen und begleitet auch die Ausführung. "Jeden Montag wird es eine Bauberatung geben", sagt Prokurist Christof Sachse. Daran nähmen Vertreter der unterschiedlichen Gewerke und der Stadtverwaltung teil. Auch ein Sicherheitsbeauftragter sei dabei - "damit nichts passiert".
Am Ende soll nicht nur Sachsens größte Kita stehen, sondern "wohl auch die schönste" - dieser Meinung ist zumindest die nicht unbescheidene Stadtverwaltung, wie im aktuellen Stadtkurier nachzulesen ist. Dass zur Eröffnung des Kinderdorfs, für das die Volkssolidarität als Träger noch einen Namen sucht, fast alle Plätze belegt sein werden, gilt als sicher. Fraglich ist jedoch, ob das angesichts einer schrumpfenden Flöhaer Bevölkerung auch so bleibt. Oberbürgermeister Schlosser hat daher eine Bitte an seine Bürger: "Alle, die für Nachwuchs sorgen können, sollen sich bemühen."

