Fleischer-Azubi Jan Ullmann präpariert eine Grillplatte zur Prüfungsvorbereitung. In wenigen Wochen ist er weg - und sein Meister Andy Rümmler aus Niederwiesa steht vor einem Problem.
Foto: Toni Söll
Flöha/Niederwiesa: Anzahl offener Ausbildungsstellen steigt
Schulabgänger dürfen sich über komfortable Lage freuen
Flöha/Niederwiesa. Ganz nah beugt sich Jan Ullmann über die penibel angerichteten Fleischstücke. Er tunkt Daumen und Zeigefinger in eine Schale mit Paprikagewürz und lässt das Pulver vorsichtig auf eine Lende im Speckmantel hinunterrieseln. Die Grillplatte, die der Falkenauer anrichtet, soll nicht nur schmecken, sondern auch optisch ansprechend sein.
Jan Ullmann ist Fleischer-Lehrling. In wenigen Wochen hat der 19-Jährige seine Abschlussprüfung. Dann muss jeder Handgriff sitzen, denn der praktische Teil wird unter Zeitdruck absolviert. "Ich bin schon im Prüfungsstress", sagt er Falkenauer. Sein Meister ist zuversichtlich. "Jan weiß genau, worum es geht", sagt Fleischer Andy Rümmler aus Niederwiesa. Drei Jahre lang hat er den jungen Mann ausgebildet und ist sehr zufrieden mit dessen Entwicklung. "Er konnte schnell selbstständig arbeiten." Das wird Jan Ullmann auch künftig. Aber in einem anderen Betrieb.
Rümmler steht vor einem Dilemma: Einen weiteren Gesellen kann sich der Familienbetrieb mit fünf Mitarbeitern nicht leisten. Der Chef hätte gern einen (günstigeren) neuen Lehrling - doch die sind Mangelware. Bereits im März hat der Fleischermeister der Arbeitsagentur die offene Stelle gemeldet. Seitdem hat er ganze drei Bewerbungen erhalten. "Bei denen hat man aber schon gemerkt, dass kein wirkliches Interesse besteht." Einen Bewerber hat er trotzdem eingeladen. Doch der kam nicht zum Vorstellungsgespräch. Abgesagt hatte er nicht.
So wie Rümmler geht es vielen Fleischern in der Region. Im Bereich der Arbeitsagentur-Geschäftsstelle Flöha sind zurzeit acht Ausbildungsplätze zum Fleischer offen - mehr Auswahl haben nur angehende Mechaniker im Bereich der Landmaschinentechnik. Dort sind elf Lehrstellen frei.
Noch vor wenigen Jahren gab es einen eklatanten Mangel an Lehrstellen. Nun ist es wegen der demografischen Entwicklung andersherum: Zurzeit sind 825 Lehrstellen in Mittelsachsen unbesetzt. Viele davon werden es bleiben: Nur 701 Bewerber sind laut Arbeitsagentur noch auf der Suche.
Einige der jungen Leute dürften wegen schlechter Noten und sozialer Defizite kaum vermittelbar sein. "Es hapert an den schulischen Leistungen", sagt Thomas Löbel, Obermeister der mittelsächsischen Fleischerinnung. "Vor allem naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen sitzen." Die oft gehörte Klage, dass die schulischen Leistungen immer schlechter werden, lässt Michaela Barthel hingegen nicht gelten. "Viele Mittelschüler haben gute Noten", sagt die Sprecherin der Chemnitzer Arbeitsagentur. "Aber immer mehr von ihnen entscheiden sich fürs Gymnasium oder eine Fachoberschule."
Der Wettbewerb um die wenigen guten Köpfe wird immer härter. Vor allem Handwerksbetriebe suchen händeringend nach geeigneten Bewerbern. Die Landbäckerei Dietrich aus Colditz lockt Lehrlinge sogar mit einer Kopfprämie von 1000 Euro in ihre Filialen, von denen sich viele in Mittelsachsen befinden. Bäckermeister Mario Dittrich ist sich sicher: "Ohne die Kohle hätte sich keiner zu uns aufs Dorf verirrt."
Andy Rümmler hat nicht solche Möglichkeiten. Der Niederwiesaer Fleischermeister hat sich damit abgefunden, dass er vermutlich keinen geeigneten Lehrling mehr finden wird. Im nächsten Jahr will er es wieder versuchen. "Die Fleischerbranche hat leider einen schlechten Ruf. Viele denken, wir sind vor allem Schweinemörder."
Azubi Jan Ullmann hat seit seiner Ausbildung eine fundiertere Meinung. "Im Fleischerberuf dreht sich viel ums Zubereiten. Oft geht es schon in den Bereich der Köche hinein." Wer ihn beim akkuraten Zubereiten der Grillplatte beobachtet, zweifelt nicht an dieser Aussage. (mit hh/scf)

