Timo Grönberg hält sowohl beim Hohenfichter Motorradtreffen als auch beim Augustusburger in der kommenden Woche die finnische Fahne hoch. Er ist der Winterbiker, der die weiteste Anreise auf sich nahm, über 4400 Kilometer quer durch Europa. Foto: Fabian Mattern
Hohenfichte: Familie der "endgültig Verrückten"
Motorrad-Fans nutzen den Winter eher zum Schrauben - Für Pilger des Wintertreffens ist das Frevel
Hohenfichte. Manche haben ihre Jungfräulichkeit noch nicht verloren. "Kann und darf man im Winter Motorradfahren?", fragt ein Chatteilnehmer namens "Honda-Fan" im Forum "Motor-Talk" im Internet. Er wird verjuxt: "Wusstest du nicht, dass du gesetzlich verpflichtet bist, am 30. September den Zündschlüssel bei der Zulassungsstelle abzugeben?", scherzt Chat-Partner Michael, gibt dann aber väterlich Tipps: "Das einzige Problem ist, dass man neuerdings bei Schnee als Winterreifen zugelassene Reifen braucht."
Den Schnee vermissen die Winter-Biker, die zum Motorradtreffen in Hohenfichte bei Augustusburg angereist sind, an diesem Wochenende. Halb Regen, halb Hagel, trommeln angefrorene Tröpfchen auf Ringo Gills gelben Friesennerz. Der mit seiner Simson S 51 samt Anhänger aus Borna angereiste Mann mit der gepiercten Creole im Mundwinkel reibt sich am Feuer im Schlamm vor seinem Zelt die Hände. Mit dem Stiefel schiebt er einen Metallkanister näher an die Flammen. "Glühwein", verrät er. Zusammen mit drei Freunden zählt sich der 24-Jährige zur "eingefleischten Familie der endgültig Verrückten", die im Winter nicht nur Zweirad fahren, sondern auch campen. Dieses Jahr ist er früher angereist, eine Woche vor dem traditionellen Wintertreffen auf Schloss Augustusburg, das mit seinem Motorrad-Museum europaweit als Biker-Schloss gehandelt wird. Alljährlich zieht sein Wintertreffen Tausende Motorradfans an.
Genauer gesagt, fast alljährlich. Im Vorjahr sagten die Veranstalter das geplante 41. Treffen kurzfristig ab, wegen zu viel Schnees. Dass solch widrige Verhältnisse die Abenteuerlust der Winter-Biker eher schüren, hatte auf der Burg keiner auf dem Plan. Nur so kam es zu "Plan B", wie Frank Friedemann sein kurzerhand auf die Beine gestelltes Ausweichtreffen auf dem Gelände der alten Baumwollspinnerei Hohenfichte nannte. Er habe "versprengten Fahrern", die sich bereits auf der Anreise befanden, eine alternative Bleibe bieten wollen, sagte der Fahrschulbesitzer damals. Er wurde völlig überrannt. Hunderte Biker tummelten sich im Tal östlich des Schlosses. Viele kündigten an, dieses Jahr wiederzukommen. Rund 100 sind da. Um keine zeitgleiche Konkurrenz zum traditionellen Treffen auszurufen, ersann Friedemann für dieses Jahr die Idee vom längsten Motorrad-Treffen der Welt, das am Freitag in Hohenfichte losging und bis nächsten Sonntag auf Augustusburg andauern soll. Die Anmeldung des Rekordversuchs beim Guinnessbuch sei erfolgt.
Guinnessbuch? Nein, ein Rekord sei ihm schnuppe, sagt Ringo Gill. Er freue sich aufs Wochenende mit seinen Freunden. Die stammen wie er aus Frohburg, sind aber der Arbeit wegen in alle Winde verstreut: Leipzig, Dresden, Mönchengladbach. Auch der Freiheit auf zwei Rädern setzt die Arbeit Grenzen. "Die ganze Woche bleiben kann ich nicht. Ich muss arbeiten, aber ich komme wieder", sagt Gill. Das Treffen auf dem Schloss verpasse er auf keinen Fall. "Seit ich 16 war, fahre ich dort hin."


