Verschiedene Formen von Bierflaschen im Jahr 2012 - immer mehr Brauereien in Sachsen und deutschlandweit schaffen sich mit individuell gestalteten Flaschen ihren eigenen Pool.
Foto: Ronny Rozum
Der Fluch der neuen Flaschenvielfalt
Immer mehr Brauereien wenden sich von der Einheitsflasche ab
Freiberg. Beim Werben um Kunden setzen viele Brauereien inzwischen auf die leichteren Individualflaschen. Bügel, Reliefs und neue Formen haben den Langhalsflaschen und den sogenannten NRW- oder Euro-Flaschen den Kampf angesagt. Veltins und Radeberger eröffneten 2007 den Reigen mit geprägten Flaschen, 2008 folgte Bittburger, 2011 Köstritzer, und in diesem Jahr beginnt Hasseröder mit der Einführung von Individualflaschen. "Das Umdenken der Brauerei in Sachsen-Anhalt schmerzt uns als unmittelbaren Konkurrenten besonders", sagt Steffen Hofmann, Geschäftsführer der Freiberger Brauhaus GmbH.
Auch in Freiberg habe es vor einiger Zeit Pläne für eine Individualflasche gegeben, die aber sind laut Hofmann schnell wieder verworfen worden: Eine Investition dafür sei zu teuer.
Während für kleinere Brauereien der zusätzliche Aufwand besonders hoch sein dürfte, habe er sich auch für die "Großen" erhöht, erklärt Hans Michael Eßlinger, Sprecher der Geschäftsführung bei der Freiberger Brauerei. Für das Unternehmen bedeutete das eine Investition von 1,5 Millionen Euro in einen Sortierautomaten und 15 zusätzliche Arbeitskräfte. Denn der Automat trennt zwar die "guten" von den "falschen" Flaschen, die Vielfalt der letzteren aber wird immer größer. Momentan tauchen etwa 20 verschiedene Flaschentypen auf dem Laufband in der Flaschenabfüllung auf. Flaschen, die die Freiberger nicht nutzen können. Deshalb müssen die unterschiedlichen Sorten per Hand in entsprechende Kästen sortiert und an die jeweilige Brauerei zurückgeschickt werden. 25 Prozent der in der Brauerei pro Jahr eingehenden 45 Millionen leeren Flaschen sind fremde, rechnet Eßlinger vor. Und die Tendenz sei steigend. Das bedeutet aber auch zusätzliche Kosten von 20 bis 25 Cent pro Kiste.
Deswegen nutzt die Brauerei seit kurzen das Angebot von Fremdfirmen. "Das betrifft vor allem das Leergut für entfernt liegende Brauereien. Das über weite Strecken zu transportieren, wäre für uns ein zu hoher logistischer Aufwand", betont Eßlinger. So wandern zehn Prozent des "falschen" Leergutes von Freiberg zu Firmen, die sich mit auf die Sortierung spezialisiert haben und damit die Gewinner der Umstellung sein dürften. Als Gewinner sieht sich Thomas Leiter, der seit 2003 im thüringischen Berka/Werra ansässig ist und beizeiten in eine vollautomatische Sortieranlage investiert hat, aber nicht. "Wir haben nur rechtzeitig auf die Entwicklung reagiert, der Sortieraufwand hat sich für uns nicht geändert." Es gebe anderswo Rückgänge beim Bierausstoß, sodass sich das ausgleicht. Inzwischen habe sich das Unternehmen mit knapp 500 Beschäftigten an elf Standorten, allein 140 in Berka, zum größten Werk für Leergut- sortierung in Europa entwickelt.
Natürlich sei der Wettbewerb auch für eine Brauerei wie die Freiberger hart, die Entwicklung aber nicht mehr aufzuhalten, betont Steffen Hofmann. Mit der Vielfalt werde aber der Diskussion um Einwegflaschen wieder Raum gegeben. Andererseits sehen die Freiberger die Vorteile, die die Individualflasche den Konkurrenten bringen. So schaffe man sich angesichts steigender Glaspreise nicht nur einen eigenen Pool, die Flaschen sind auch 50 Gramm leichter als die herkömmlichen, weiß Eßlinger. Und man mache damit in besonderer Weise auf sich aufmerksam. Trotzdem wiege das bei der Freiberger Brauerei die hohen Investitionskosten für neue Flaschen derzeit nicht auf.


