Ortrun Kötzsch organisierte viele Jahre Theaterfahrten für die Brand-Erbisdorfer nach Freiberg. Jetzt gibt sie das Amt ab.
Foto: Eckardt Mildner
Leidenschaft fürs Theater steckt an
Rund 55 Brand-Erbisdorfer besuchen in jeder Spielzeit gemeinsam fünf Aufführungen des Mittelsächsischen Theaters
Brand-Erbisdorf. Die ehemalige Lehrerin Ortrun Kötzsch hielt für die Theaterfreunde die Fäden in der Hand. Erst allein, später zusammen mit Rolf Eichen. Jetzt legt die 76-Jährige diese Funktion nieder, weil sie ihre Zeit vor allem für eine kleine Häuserchronik der Oberen Siedlung von St. Michaelis sowie das Aufschreiben der Familiengeschichte braucht, wie sie sagt. Ihr Nachfolger ist Jürgen Lübke, einer der Brander Theaterbegeisterten.
"Es hat mir Spaß gemacht, die Leute zu bewegen", blickt Ortrun Kötzsch zurück. "Außerdem wollte ich den Wählern etwas zurück geben." Reichlich elf Jahre saß die Seniorin für die heutigen Linken in den Volksvertretungen von St. Michaelis und Brand-Erbisdorf. Nach der Wende stellte sie fest, dass ihr und anderen etwas fehlte, und das war das gemeinsame Theatererlebnis. Die Anrechte aus DDR-Zeiten gab es nicht mehr, und so ging die geborene St. Michaeliserin in die Spur, um etwas Neues aufzubauen. In der Spielzeit 1995/96 verkaufte sie fast 60 Karten. Etwa 20Leute von damals fahren heute noch mit dem Theaterbus mit. "Über 5000 Einzelbesucher haben wir mit unserem Kleinen Anrecht seitdem ins Theater gelockt", rechnete sie zusammen. Bis zu 75 Interessenten pro Jahrgang zählte sie. Und wenn sich nur wenige für die Theaterbesuche meldeten, griff Ortrun Kötzsch zum Telefon, rief Freunde und Bekannte an oder warb in ihrer Sportgruppe. "Irgendwie haben wir immer eine stattliche Truppe zusammenbekommen", sagt sie. Eine Besichtigung des Theaters, eine Lesung zum Stück über die Brander Bürgermeistertochter Grete Beier, die 1908 als Mörderin in Freiberg hingerichtet wurde, und Besuche auf der Seebühne Kriebstein gehörten zu den Aktivitäten der Theaterfreunde. Sie demonstrierten jedoch auch für das Ensemble, als das Zwei-Sparten-Theater in Freiberg auf der Kippe stand oder Gelder für den Kulturraum Mittelsachsen gekürzt werden sollten.
"Bei all dem floss viel Herzblut", bekennt die Theatergängerin. "Wir waren als Kinder schon im Freiberger Theater, so hat unsere Leidenschaft angefangen." Die Mutter nahm in den Kriegsjahren ihre drei eigenen und ab und zu auch Nachbarskinder zu den Aufführungen mit. Etliche Buttersemmeln im Gepäck, ging es stets erst in ein Freiberger Café und danach ins Theater. Später übernahm Ortrun Kötzsch mit ihrem Mann das Anrecht ihrer Eltern. "Sie sind damals 17.30 Uhr mit dem Zug nach Freiberg gefahren, und kamen erst kur vor Mitternacht wieder in Brand an", erinnert sie sich. "Fast sieben Stunden waren sie jedesmal für den Kunstgenuss in der Nachbarstadt unterwegs."
Karten gibt es im Stadthaus
Beim Kleinen Anrecht besuchen die Theaterfreunde fünf Vorstellungen. Sie wählen ihre Favoriten aus acht Angeboten aus. Ein Theaterbus hält in Brand-Erbisdorf und Linda an allen öffentlichen Haltestellen und fährt fast bis vor die Tür des Freiberger Musentempels. Jährlich informiert ein Vertreter des Mittelsächsischen Theaters die Brander im Stadthaus über die Aufführungen der neuen Spielzeit. Im Juni wird kassiert, im Spätsommer werden die Karten ausgegeben.

