Rosa Emilia Fleischhauer in ihrem Garten in Reichenbach. Noch immer wandert die Peruanerin gern.
Foto: Eckardt Mildner
Peruanerin Rosa Emilia Fleischhauer verschlägt es nach Reichenbach
Frau ist von deutscher Ordnung und grünen Wiesen begeistert
Reichenbach. Wenn Rosa Emilia Fleischhauer, geborene Salas Rodriges, aus dem Fenster ihres Hauses in Reichenbach schaut, genießt sie die Weite der Landschaft, den unverbauten Blick. Dass es die Peruanerin einmal nach Sachsen verschlägt, und dann auch noch in den knapp 600 Seelen zählenden Ortsteil der Stadt Großschirma, hätte sie als junges Mädchen nicht gedacht. Mit 21 verließ sie ihre Heimat.
"Ich kam aus sehr armen Verhältnissen", erzählt die heute 67-Jährige. Dennoch versuchte die Familie, ihr eine Ausbildung in Europa zu ermöglichen. Erste Station war Italien, "aber nur drei Tage, ich fand es schrecklich, dass dort die Unterhosen an den Fenstern hingen", erinnert sie sich mit einem Schmunzeln. Von Deutschland sei sie sofort begeistert gewesen, "die Ordnung, die schönen grünen Wiesen, die Landschaft". Die deutsche Sprache erlernte sie als Angestellte in einer Küche in einem bayrischen Internat.
"Wenn ich erstmal die deutsche Sprache kann, kann ich auch alles andere schaffen", sagte sie sich und machte ihr Staatsexamen in Krankenpflege. In Ostfriesland fand sie dann eine Anstellung in einem neu eröffneten Krankenhaus und qualifizierte sich zur Anästhesie- und Intensivschwester weiter. Damals war sie 26 Jahre alt. Es war auch die Zeit, in der sie ihren Mann kennen lernte: Heinrich Fleischhauer. Seine Eltern kannte sie schon länger. "Eigentlich war es meine Schwiegermutter, die die Ehe arrangiert hat," erzählt Rosa Emilia Fleischhauer mit einem Lächeln. Chinesische Hochzeit nennt sie es heute. "Aber ich wurde natürlich gefragt", lacht sie. 37 Jahre hält die "Verkupplung" mittlerweile. "Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen, bei Fleischhauers wird es nie langweilig", sagt sie.
1974 zogen die Eheleute nach West-Berlin, wo sie heute noch eine Wohnung haben. Und dann kam die Wende. Rosa Emilia Fleischhauer erlebte alles hautnah mit, da sie nahe der Mauer wohnten. "Als die Mauer gefallen war, beschlossen wir, uns das Land anzuschauen. Wir sind mit dem Rucksack durch ganz Ostdeutschland gewandert", berichtet sie. Schließlich lernte ihr Mann beruflich Leute aus Freiberg kennen, und ihnen wurde der ehemalige Schweinestall in Reichenbach zum Kauf angeboten. Das Futterhaus ließen sie zu einem schmucken Einfamilienhaus umbauen und vermieteten es. 2009 zogen die Mieter aus; Fleischhauers starteten den Selbstversuch - probeweise Leben auf dem Dorf.
"Das war schon eine Wanderschaft zwischen zwei Welten," sagt die 67-Jährige. Dennoch, die Aufenthalte in Reichenbach wurden immer länger. "Die Menschen hier waren von Anfang an sehr offen," sagt Rosa Emilia Fleischhauer. Nein, Anfeindungen habe sie im Dorf nie erlebt, ganz im Gegenteil. "Ich erzähle den Leuten, dass ich aus Peru komme, eine Indianerfrau bin. Das hat mir schon viele Fans eingebracht," erzählt sie.
"Ich denke Anfeindungen gibt es nur, wenn man sich abkapselt. Man muss auch akzeptieren, was man vorfindet. Meine Mutter hat mal gesagt: Wenn ihr irgendwo fremd seid, benehmt euch wie gute Botschafter", berichtet die Neu-Reichenbacherin. Aber kann denn das Dorf kulturell mit Berlin mithalten? "Ich liebe klassische Musik, die Konzerte in Freiberg sind ein Traum. Man ist ganz schnell da, auch in Dresden oder Chemnitz." Und auch im Ort und den angrenzenden Gemeinden würde ja ständig gefeiert. "Hier ist doch immer was los", sagt Rosa Emilia Fleischhauer.
Noch stehen viele Möbel in der Wohnung in Berlin, doch irgendwann möchte sie ganz nach Reichenbach ziehen und jeden Tag den Blick in die Weite der Landschaft genießen.

