Gunther Zschommler (l.) ließ auf einem Dach seines Landwirtschaftsbetriebs in Großschirma von Elektromeister Tino Jehmlich eine neue Fotovoltaikanlage installieren - mit Modulen von Solarworld. Gunther Zschommler (l.) ließ auf einem Dach seines Landwirtschaftsbetriebs in Großschirma von Elektromeister Tino Jehmlich eine neue Fotovoltaikanlage installieren - mit Modulen von Solarworld.

Foto: Klaus Ebert

Solarworld kämpft gegen Billig-Konkurrenz

1700 Jobs sind durch staatlich subventionierte Importe aus China in Gefahr

Freiberg/Bonn. Es klingt paradox: Solarstrom boomt, 2012 wird ein neues Rekordjahr bei der installierten Leistung in Deutschland - und doch spricht Tino Jehmlich von einer "kranken Branche". Der Geschäftsführer der Bobritzscher Elektro-Firma Sinus hat auf dem Dach eines Landwirtschaftsbetriebs in Großschirma gerade eine neue Fotovoltaikanlage installiert. 140 Kilowatt Spitzenleistung bringen die Module, hergestellt bei Solarworld in Freiberg. "Viele Leute hier wollen Qualitätsprodukte aus der Region haben", sagt Jehmlich.

Die Verlockung, zum Billigheimer aus Fernost zu gehen, ist jedoch groß. Bis zu 20 Cent pro installiertem Watt, so berichtet der Bobritzscher Elektroanlagenbauer, könne der Kunde bei den Solarmodulen sparen. Das wären bei der neuen Anlage in Großschirma 28.000 Euro.

Handarbeit kontra Roboter

Warum liefern die Chinesen so billig? An niedrigen Personalkosten kann es nicht liegen. Das Lohngefälle nach Fernost ist zwar enorm, dafür wird dort aber auch noch viel in wenig produktiver Handarbeit gefertigt. Bei Solarworld in Freiberg erledigen Industrieroboter den größten Teil der Fertigung. Beispiel Modulmontage: Beim Abladen der Glasplatten mit dem Gabelstapler legt zum letzten Mal ein Mensch Hand an; die Montage mit allen Arbeitsschritten bis zum Verpacken auf Europaletten läuft vollautomatisch. "Wir haben weltweit den höchsten Automatisierungsgrad", sagt Mario Behrendt, Geschäftsführer der Deutschen Solar. Nach seinen Angaben benötigt Solarworld für die Produktion eines Megawatts pro Jahr weniger als einen Mitarbeiter; in China seien es mehr als zehn Personen. Die automatisierte Produktion gewährleistet zudem höhere Qualität. Das belegen Ergebnisse aus dem hauseigenen Prüflabor. Im Temperaturschockschrank wird die Beanspruchung innerhalb von 25 Jahren simuliert - mit 9125 Temperaturwechseln von -40 zu +85 Grad Celsius. Manche Schutzfolie auf der Rückseite eines fremden Billigprodukts hat dann Risse. "Hier zeigt sich die unterschiedliche Qualität des Materials und der Verarbeitung", sagt Claudia Hanisch, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Solar.

Expansion trotz tiefroter Zahlen

Einer der großen chinesischen Hersteller, die derzeit die deutsche Fotovoltaikbranche aufmischen, ist LDK Solar. Erst seit zwei Jahren fertigt die Firma mit Hauptsitz in Xinyu in der südostchinesischen Provinz Jiangxi eigene Solarzellen und montiert Module, ist aber weltweit auf dem Vormarsch und kauft sich gerade in Deutschland ein (siehe Kasten). LDK schreibt, ebenso wie der einheimische Konkurrent und Branchenprimus Suntech, tiefrote Zahlen. So meldete LDK Solar nach Angaben des Branchenmagazins Photovoltaik allein für das erste Quartal 2012 einen Nettoverlust von mehr als 185 Millionen Dollar.

Pleite gehen wird der Betrieb, anders als viele Mitbewerber in Deutschland, indes nicht. "LDK ist eine eigene Stadt. Wenn die ihre Leute entlassen, riskieren sie soziale Unruhen", sagt Mario Behrendt. Chinas Führung habe die Weltmarktführerschaft bei der Solarenergie zum Staatsziel erklärt. Für die Fotovoltaik habe das Land ganze Wohnstädte aus dem Boden gestampft. "Jetzt versuchen sie, mit Dumpingpreisen unter den eigenen Herstellungskosten einen Verdrängungswettbewerb zu organisieren." Verluste, so der Chef der Deutschen Solar, würden in dem Staatskapitalismus mit Fünfjahresplan bewusst in Kauf genommen. "Die Staatsbanken helfen mit Kreditlinien, Schulden werden von der Distriktregierung übernommen."

Ziel: Strafzölle nach US-Vorbild

Gegen solche Methoden hat sich Solarworld bereits in den USA zur Wehr gesetzt - und tut es nun auch in Europa. Konzernsprecher Milan Nitzschke in Bonn führt die Interessenvereinigung EU ProSun an, in der sich 25 europäische Fotovoltaik-Unternehmen zusammengetan haben. Vergangene Woche reichten sie wegen des chinesischen Preisdumpings Handelsbeschwerde bei der Europäischen Kommission ein. Ziel sind Strafzölle nach amerikanischem Vorbild. Nitzschke gab sich am Freitag optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass das Verfahren auch eröffnet wird." 45 Tage habe die Kommission Zeit, den Antrag zu prüfen. Für den EU-ProSun-Präsidenten ist klar: "Wir haben ein Welthandelsrecht. Es wird von China gebrochen und muss durchgesetzt werden."

Doch kann Solarworld in Freiberg die Durststrecke überstehen? Von 1700 Beschäftigen sollen dieses Jahr noch 250 bis 300 abgebaut werden. "Wir sind konkurrenzfähig", betont Geschäftsführer Behrendt. Er hofft auf mehr Rückendeckung aus Berlin. Immerhin: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Veronika Bellmann am 8. Oktober nach Freiberg kommen. Vergangene Woche erklärte Altmaier in Thüringen, eine wettbewerbsfähige Solarwirtschaft sei im nationalen industriepolitischen Interesse. Die Klage bei der EU-Kommission bezeichnete der Minister als legitimen und zulässigen Weg.

 
erschienen am 03.08.2012 ( Von Oliver Hach )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
2
(Anmeldung erforderlich)
  • 06.08.2012
    10:49 Uhr

    fritzbrause: @solary73: Top Kommentar- alles auf den Punkt gebracht. Dem ist nix hinzuzufügen.

    0 0
     
  • 05.08.2012
    12:02 Uhr

    solary73: So ganz richtig scheint Herr Behrendt sein Unternehmen nicht zu kennen! Laut letzten Jahresberidht beschäftigt die SolarWorld 2701 Mitarbeiter und Produziert 850 MW an Modulen (1000 MW an Wafern)! Daraus ergibt sich nach meiner Rechnung nicht weniger als 1 Mitarbeiter pro Jahr und MW! Hier scheint aber einiges im Unternehmen nicht zu stimmen, wenn ein Geschäftsführer seine Zahlen nicht einmal kennt!
    Schaut man sich den Annual Report von zum Beispiel Yingli an sieht man, dass dort 16.000 Mitarbeiter beschäftigt werden und 1700 MW an Modulen produziert werden! Hier geht die Rechnung schon fast auf - man sollte jedoch einmal sehen, dass dort aber auch 1330 Mitarbeiter alleine in der Forschung beschäftigt sind! Bei der SolarWorld arbeiten dort gerade einmal um die 100 - die Website der SolarWorld Innvoations ist leider nicht auf dem Stand 2012 sondern noch aus dem Vorjahr! ;-) Zudem bieten die Chinesen spezielle Studiengänge für Photovoltaik an und dies schon seit Jahren. Es ist also davon auszugehen, dass durchaus Innovationen aus China kommen, welche dazu beitragen die Produktionskosten dort zu senken! Man sollte nicht einfach davon ausgehen, dass nur Innovationen aus Deutschland kommen können! Die Politik hat es ganz klar verschlafen hier dafür zu sorgen, dass wir gute ausgebildete Leute in Deutschland haben! Im übrigen bieten die Chinesen auch Studiengänge speziell im Bereich der Akku Entwicklung an - da kommt also in den kommenden Jahren ebenfalls noch einmal eine Innovation aus China. Schlussendlich scheint man hier in Deutschland einfach die letzten Jahre auf der Faulen Haut gelegen zu haben und sich auf den satten Gewinnen gut ausgeruht. Die Politik hat durch eine falsche Förderung neben den Europäischen auch die Chinesen unterstützt und im Bereich Forschung und Lehre keine guten Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen - und jetzt wundern wir uns!??? Das was doch absehbar!

    0 1
     

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
Wetteraussichten für Freiberg
Mo

16 °C
Di

17 °C
Mi

13 °C
Do

15 °C
Fr

11 °C
präsentiert von
Ärztliche Notdienste

Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte finden Sie hier.

weiter lesen
 
 
Freie Presse vor Ort

09599 Freiberg
Kirchgäßchen 1
Telefon: 03731 3760


Öffnungszeiten:
Mo. bis Fr. 9.00 - 17.30 Uhr, Sa. 9.00 - 12.00 Uhr

weiter lesen
 
Freien Presse Immobilien

Immobilienangebote für Freiberg und Umgebung

Finden Sie Ihre Wohnung in der Region Freiberg

Immobilienportal

► Mietangebote

► Kaufangebote

 
Unsere Partner
aok
chursächsische
 
 
 
 
 
 
 
Blumen versenden

Traumhafte Frühlingszeit

Machen Sie einem lieben Menschen eine Freude und überraschen Sie ihn mit schönen Frühlingsblumen.

weiter lesen