In der Gaskammer Pirna-Sonnenstein sind auch 40 Bewohner aus dem Kreisstift Augustusburg ermordet worden.
Foto: PF
Spurensuche führt auch nach Freiberg
Systematischer Mord an Behinderten gehörte für Nationalsozialisten zur Rassenhygiene
Freiberg. Wissenschaftler der Universität Leipzig haben das Freiberger Stadtarchiv in ihre Forschungen zu den Erbgesundheitsgerichten der Nazi-Zeit einbezogen. Es gibt Hinweise darauf, dass der sogenannten Rassenhygiene in der Zeit von 1933 bis 1945 auch im hiesigen Raum behinderte Menschen zum Opfer fielen, bestätigte die Leiterin des Archivs, Ines Lorenz.
Allerdings gestalte sich die Spurensuche schwierig, so die Expertin weiter, weil die Nationalsozialisten ihr Vorgehen verschleiert haben: "Es gab Scheinstandesämter, die Totenscheine ausgestellt haben." Auch seien auf den Sterbeurkunden zum Teil Todesursachen erfunden worden, die nur dem Fachkundigen entsprechende Rückschlüsse ermöglichen würden. So sei bei Recherchen zu einem anderen Thema eine Liste von Freiberger Bürgern entstanden, die möglicherweise im Euthanasie-Programm der Hitlergetreuen umgebracht worden sind.
Historikern zufolge sind allein in den Jahren 1940 und 1941 mehr als 70.000 Psychiatrie-Patienten und behinderte Menschen durch SS-Ärzte und -Pflegekräfte getötet worden - darunter fast 14.000 in Pirna-Sonnenstein. Dem von den Nazis als "Aktion Gnadentod" bezeichneten Massenmord fielen auch mindestens 40 Bewohner des einstigen Kreisstiftes Augustusburg zum Opfer. Die unter anderem in Borstendorf, Eppendorf, Hennersdorf, Hohenfichte, Leubsdorf, Marbach, Niederlichtenau und Oederan Geborenen waren 1941 mit Transporten am 28. Februar und am 25. März zunächst in die sogenannte Zwischenanstalt Arnsdorf bei Dresden gebracht worden - auf Anordnung des zuständigen Reichsverteidigungskommissars Martin Mutzschmann, damals NSDAP-Gauleiter von Sachsen. Von dort kamen sie in die Gaskammer nach Pirna.
Auf die "Vernichtung von lebensunwertem Leben" hat auch Michael Düsing in seinem kürzlich erschienenen Buch "Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt" hingewiesen. Für die Dokumentation der Judenverfolgung in Freiberg von 1933 bis 1945 hatte der Autor auch im Stadtarchiv recherchiert.
Ein streng vertraulicher Runderlass des Reichsministeriums des Inneren vom 18. August 1939 verpflichtete zudem Hebammen und Ärzte auch in der Region Freiberg, "missgestaltete Neugeborene" an das zuständige Gesundheitsamt zu melden. Ausdrücklich wurde dabei auf Befunde wie Idiotie und Mongolismus, Mikrozephalie (abnorme Kleinheit des Kopfes), Hydrozephalus (Wasserkopf), Lähmungen und Missbildungen jeder Art bei Kindern unter drei Jahren verwiesen.
"Offiziell wurde der Eindruck vermittelt, es gehe um eine wissenschaftliche Untersuchung, um den Betroffenen zu helfen", weiß Gudrun Adlung. Die Heil- und Sonderpädagogin aus dem Stadtteil Zug hat Beweise: "Kinder aus ganz Deutschland wurden nach Leipzig zur Vernichtung geschickt, wahrscheinlich auch aus Freiberg und Umgebung." Sie sei von den Schicksalen besonders berührt; ihre Tochter führe trotz Gehörlosigkeit heute ein selbstständiges Leben. Ihre Angst ist es, dass über den Opfern von damals eine Decke des Schweigens liegt und sich Ähnliches wiederholen könnte: "Die Neonazis sind wieder brutal und geschickt am Werk." Gelegenheit, das Vergessen zu verhindern, bietet der morgige Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.


