Matthias Damm.Foto: Falk Bernhardt
"Sturm 34": Mittweidas Rathauschef spricht von "Justizskandal"
Prozessordner im Verfahren gegen mutmaßliche Köpfe der Neonazi-Gruppe verstauben
Für den Mittweidaer Oberbürgermeister Matthias Damm (CDU) darf das neue Jahr in einem wichtigen Punkt nicht so verlaufen wie das alte aufgehört hat. Deshalb machte er kurz vor dem Jahreswechsel noch einmal Druck - nicht nur bei den Gerichten, sondern auch beim sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU). Denn nach mehr als zweieinhalb Jahren Stillstand will Damm nicht mehr länger nur zusehen, wie der längst überfällige Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Rädelsführer der verbotenen Neonazi-Kameradschaft "Sturm 34" aus dem Raum Mittweida weiterhin im Sande verläuft.
"Auch die Richter haben eine Verantwortung", sagt OB Matthias Damm - selbst studierter Jurist - und schrieb noch im Dezember an den Präsidenten des Oberlandesgerichtes Dresden, Ulrich Hagenloch. Dabei kritisierte er mit Nachdruck die unangemessene Dauer des Verfahrens. Zwar waren vom Dresdner Landgericht im April 2011 fünf Mitglieder von "Sturm 34" unter anderem wegen schwerer Körperverletzung zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt worden - viel zu milde Urteile, wie viele Bürger damals fanden. Doch nun müsse endlich auch den mutmaßlichen Anführern der Prozess gemacht werden. Bezug nehmend auf das Gesetz über den Rechtsschutz bei überlangen Gerichtsverfahren, sprach Damm deshalb eine sogenannte "Verzögerungsrüge" aus, verbunden mit der Forderung, darauf hinzuwirken, dass das Verfahren fortgesetzt wird.
Noch kurz vor dem Jahreswechsel entledigte sich Hagenloch seiner Pflicht und schrieb einen Antwortbrief. Darin zeigt er durchaus Verständnis für die "Unzufriedenheit über die Verfahrenslage beim Landgericht Dresden". Da aber eine solche "Verzögerungsrüge" nicht bei ihm als vorgesetzter Dienststelle erhoben werden könne, habe er diese an das Landgericht Dresden weitergeleitet.
Noch am Freitag kam auch von dort eine Antwort. Darin teilt Vizepräsident Martin Schultze-Griebler mit, dass eine solche "Verzögerungsrüge" nur dem zusteht, der unmittelbar am Verfahren beteiligt ist. Die Stadt Mittweida komme dafür nicht in Betracht. "Ich habe daher davon abgesehen, ihr Schreiben an die zuständige 4. Große Strafkammer des Landgerichts Dresden weiterzuleiten", schreibt Schultze-Grübler. "Das ist leider zu formal abgehandelt worden", ist Damm nicht zufrieden mit dieser Antwort, wenngleich er auch nichts anderes erwartet hatte.
Nun steht noch die Antwort aus der Sächsischen Staatskanzlei aus, denn Damm hatte sich auch an Ministerpräsident Tillich gewandt. "Es kann doch nicht ernsthaft hingenommen werden, dass Strafkammern seit Jahren überlastet sind und deshalb nahezu ein Stillstand der Rechtspflege in dieser Sache eingetreten ist", kritisiert der OB die zum wiederholten Mal vom Landgericht Dresden hervorgebrachten Überlastungs-Argumente. Und noch viel weniger könne hingenommen werden, "dass von den Verantwortungsträgern dieser Zustand geduldet und gegenüber der Presse noch der Anschein vermittelt wird, dass durch die Justiz grundsätzlich am Sinn der Strafverfolgung gegen Rechtsextremisten gezweifelt wird". Denn in der ARD-Sendung "Kontraste" vom 1.Dezember hatte Ralf Högner, Pressesprecher des Landgerichts Dresden, resignierend erklärt: Selbst wenn die Männer schneller verurteilt worden wären, "sie wären schon wieder auf freiem Fuß." In diesem TV-Beitrag wurden abschließend Bilder gezeigt, die beweisen sollten, dass einige der Angeklagten immer noch in der rechtsextremen Szene aktiv sind.
Auch Nachfragen der "Freien Presse" beim Landgericht Dresden ergaben: Die zuständige Strafkammer sei überlastet. "Ein unbefriedigender Arbeitsstand", schimpft der Mittweidaer Oberbürgermeister und bemängelt, dass die Untätigkeit der Justiz ständig nur mit richterlicher Unabhängigkeit entschuldigt wird: "Wir brauchen gar nicht über NPD-Verbotsanträge zu debattieren, wenn es nicht einmal gelingt, anhängige Verfahren in angemessener Zeit zu Ende zu bringen."


20:08 Uhr
LeserX: Das war ja wieder ein Paukenschlag zum Neujahrsanfang, wo jedem Mittweidaer Bürger die Brust oder der Kamm anschwillt.
Bloß gut, wenn man jemanden an der Spitze hat, der sich gut auskennt. Was wird dann wohl erst abgehen, wenn man sich mal nicht so gut auskennt?
Ist es eigentlich möglich, dass es im Machtbereich eines "Unrechtsstaats-Juristen noch ein bischen
"Unrechtsstaats-Juristen- Demokratie gibt? Wäre sicher ein gutes Feld für braune Saat.
Ist es wirklich billiger Populismus und Justiz- Bashing oder eher die große Revanche und die Angst, dass ihn die Justiz bald wegnimmt?
13:30 Uhr
angemeldeter: Viele Jahre war's "normal" und jetzt wissen's alle Politker wieder besser.
Interessanter Bericht zu Mittweida von 2008:
http://www.youtube.com/watch?v=6rRFt_fNDKM
Und zu Limbach:
www.youtube.com/watch?v=YP18YW_-imA
12:09 Uhr
Matthias1: Natürlich ist es ein Skandal, wenn die Mitte der Gesellschaft reichlich braun eingefärbt ist (etwa, wenn ein früherer deutscher Arbeitsminister ausländische Investoren als Heuschrecken-Ungeziefer attackierte oder ein früherer Finanzminister unserem friedlichsten Nachbarland mit Soldaten drohte).
Gerade im Chemnitzer Umland liegt da auch einiges im Argen. So haben die Kommunalpolitiker jahrelang ihre eigenen Pflichten versäumt. Umso peinlicher aber ist es jetzt, wenn sie nun mit dem Finger auf andere zeigen, sich Einmischungen in die Unabhängigkeit der Justiz anmaßen, die ihnen nicht zustehen, nur um von eigenem jahrelangen Versagen abzulenken. Es ist albern, wenn der (dafür unzuständige) Limbacher Stadtrat über ein NPD-Verbot abstimmt oder ein Bürgermeister eine ihm nicht zustehende Verzögerungsrüge erhebt. Was haben diese Provinzpolitiker denn in Sachen kommunaler Jugendarbeit getan? Das wäre deren Aufgabe - nicht billiger Populismus oder medienwirksames Justiz-Bashing!
10:44 Uhr
Registrierter: Der eigentliche Skandal ist doch, daß Nazis in Sachsen bereits zur Mitte der Gesellschaft gehören. Wie anders ist denn sonst zu erklären, daß sich kaum Widerstand dagegen regt und Kommentatoren dies sogar mit unserem Rechtsstaat begründen wollen. Genau in solche Wunden legt Damm seinen Finger und das ist gut so.
21:37 Uhr
Matthias1: Der Vizepräsident des LG hat recht: Eine Verzögerungsrüge kann selbstverständlich nur ein Beteiligter erheben. Das dürfte dem Bürgermeister dieser Kleinstadt wohl entgangen sein. Die Versuche der kommunalen Selbstverwaltung einer Kleinstadt, über Ministerien und Gerichtspräsidien in laufende Gerichtsverfahren einzugreifen, sind eines Rechtsstaats unwürdig. Ich möchte nicht in einem Staat leben, in dem Provinzpolitiker den Richtern vorzuschreiben versuchen, wie oder wann sie zu entscheiden haben. Mag sein, dass der DDR-Diplomjurist Damm früher anderes gelernt hat. Sachsen ist aber doch heute kein Unrechtsstaat mehr, auch wenn manche (nach dieser "Kampfvokabel") "Unrechtsstaats-Juristen" auch heute noch auf kommunaler Ebene politische Ämter bekleiden.