EM in MW: Jubel im Festzelt im Mittweidaer Stadion beim Sieg Deutschlands gegen die Niederlande am Mittwochabend.
Foto: Falk Bernhardt
Tor zum Viertelfinale bleibt für einige zu
Damit alles rund läuft, dürfen sich nicht alle vom Fußballfieber anstecken lassen
Mittweida. Bäckermeister Uwe Paulig aus Altmittweida reibt sich morgens die Augen, wenn er die Ergebnisse der Fußballspiele vom Vorabend hört oder liest. Denn, der Fernseher bleibt abends kalt. "Die Spiele nach 20 Uhr sind tabu. Da bin ich eisern", sagt er, und das gelte auch für alle sechs Mitarbeiter in der Backstube. 1 Uhr ist für sie die Nacht vorbei. Dementsprechend früh fange sie an. Daran werde sich auch nichts ändern, sollte die deutsche Elf im Endspiel auf den Rasen auflaufen.
Neun Fahrer von Regiobus Mittelsachsen haben am Mittwoch den Anpfiff des Spiels der Nationalmannschaft gegen die Niederlande verpasst. Sie saßen zu diesem Zeitpunkt hinter dem Lenkrad ihrer Linienbusse. Und da heißt es zu allererst: Konzentration auf die Straße und die Fahrgäste. Jede Ablenkung ist da offiziell untersagt. "Auch das Radiohören", sagt Henning Schmidt, Fachbereichsleiter Verkehr bei Regiobus. Nur in den Pausen, dann wenn die Busse stehen, dürfte da mal in die Liveübertragung hineingehört werden. Doch die ganz harten Fußballfans tauschen den Dienst. Er kenne zumindest einen Kollegen im Unternehmen, der seine Wünsche nach den Schichten entsprechend der Fußball-Spielpläne formuliert.
Auch die Piratenpartei zeigte sich eisern und trotzte der Versuchung. Organisator und Parteimitglied Peter Großer hatte für den Abend des Spiels der deutschen Mannschaft gegen Holland in der Mittweidaer Gaststätte Hilpert'z eine Stammtisch-Veranstaltung organisiert und gibt zu: "Mir war schon bewusst, dass an diesem Abend Fußball ist. Und es gab auch Fragen, ob wir den Fernseher in der Gaststätte anschalten sollten. Aber er blieb dann schließlich doch aus, und wir haben über kommunale Themen diskutiert." Eine kleine personelle Einbuße hat den Piraten die Terminüberschneidung dennoch beschert, denn sechs Interessenten, die sonst gern gekommen wären, hatten wegen des Spiels abgesagt. Großer ist dennoch zufrieden: "Wir waren trotzdem 13 Leute."
Auch die Ordnungshüter müssen sich in Disziplin üben. "Während des Dienstes haben die Beamten überhaupt keine Zeit, Fußball zu schauen", sagt Jana Kindt, Pressesprecherin der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge, bestimmt. Dennoch: zusätzliche Fahrzeug- oder Alkoholkontrollen gebe es in der fußballreichen Zeit nicht.
Abends Fernsehen bis in die Puppen - morgens wieder in die Schule. Fit wie ein Turnschuh mussten am Donnerstag auch die Schüler des städtischen Gymnasium in Mittweida sein. Der Unterricht fand wie gewohnt statt. "Da machen wir keine Ausnahmen", sagte Schulleiter Gert Becker. Auch nicht am kommenden Montag, wenn die Elftklässler ihre Matheklausur schreiben.
Eine echte Alternative für Fußballmuffel ist Kultur. Die bieten am Sonntag ab 19 Uhr über 20 Sänger des großen Leipziger Gospelchores "open up wide" mit ihrem Sommerkonzert in der Dorfkirche Ringethal. Hier kann geschnipst, geklatscht und mitgesungen werden. Die christlich-afro-amerikanischen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts lädt dazu ein.
Übrigens: das Konzert beginnt pünktlich, damit die Zuhörer das EM-Spiel Deutschland - Dänemark vor Bildschirm oder Großleinwand eben doch nicht verpassen.

