Wanderarbeiter verschmähen Landkreis
Fachleute aus dem Osten favorisieren lukrative Jobs im Westen Deutschlands
Mittweida. Mittweida. Der Raum Mittweida und Mittelsachsen erweisen sich als rotes Tuch für Wanderarbeiter: Die Unternehmen sind für Arbeitssuchende aus Polen, Tschechien, Ungarn & Co. unattraktiv. "Bei uns gehen kaum Nachfragen nach Jobs ein", sagt Michaela Barthel, Sprecherin der Arbeitsagentur Chemnitz. Dabei ist der deutsche Arbeitsmarkt seit dem 1.Mai für Fachleute aus dem Osten geöffnet. Doch den Betrieben bringt dies bisher keine Punkte. Für ihre landkreisweit fast 1450 offenen Stellen interessiert sich keiner.
Die Zahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild: Im Mai haben sich lediglich 18Tschechen, Polen und Ungarn in der Agentur nach Arbeitsmöglichkeiten erkundigt. Und im Juni waren es sogar noch weniger. Gerade mal 14Osteuropäer fragten nach. "Darunter waren Leute aus Handel und Gastronomie, aber auch ein Buchhalter und ein Musiker", sagt Barthel. Sie rechnet nicht damit, dass demnächst eine Fachkräfte-Flut aus Osteuropa über Mittelsachsen hereinbricht. Ihre Begründung: Die Arbeiter nehmen zwei Stunden mehr Fahrt in Kauf und heuern in Betrieben in den alten Bundesländern an, wo die Löhne höher sind.
Viele Unternehmer in der Region hatten auf die Tschechen gesetzt - vergeblich. "Die haben einen ähnlichen Arbeitsmarkt wie wir", erklärt Michaela Barthel die Lage. Im Speckgürtel um Prag liege die Arbeitslosenquote mit rund sechs Prozent sogar knapp drei Prozentpunkte unter der mittelsächsischen. Hinzu komme ebenfalls eine alternde Bevölkerung. "Die Betriebe in den Ballungsgebieten suchen selbst Fachleute", weiß Barthel von ihren tschechischen Kollegen.
Dabei lechzt die Wirtschaft hierzulande nach Experten - insbesondere im Maschinenbau und im IT-Bereich. Der Frankenberger Automobilzulieferer Benseler beispielsweise sucht hängeringend nach Fachleuten. "Wir brauchen gut und gern sechs bis acht Mechatroniker und fünf Ingenieure", sagte Birgit Auerbach, Personalchefin des 320-Mitarbeiter-Unternehmens. Doch bisher habe kein einziger Bewerber aus Osteuropa angeklopft. Ähnlich sieht es das Freiberger Unternehmen Deutsche Solar GmbH. "Wir haben viele offene Stellen - Leute in der Technologie und im Engineering werden gesucht", sagt Susanne Herrmann, Sprecherin des 2010 Mitarbeiter zählenden Unternehmens. Auch hier sind geeignete Bewerber aus dem Osten Fehlanzeige.
Die Vertreter von Handwerk und Industrie sind beim Thema Zuwanderung geteilter Ansicht. Während Kreishandwerker-Chef Mario Peisker "jeden Arbeiter, der uns hilft", willkommen heißt, zweifelt IHK-Geschäftsführer Hans-Christoph Moser an der neuen Freizügigkeit. "Das löst unser Problem nicht. Auch in Osteuropa gibt es keine Schwemme an qualifiziertem Personal. Wenn die Leute dennoch zu uns kommen, fehlen sie im eigenen Land", sagt Moser. "Und dann zahlen wir länger Aufbauhilfen."
Auch Peisker glaubt nicht, dass die Zuwanderung den Fachkräftemangel lösen wird. Schließlich gebe es im Osten noch genügend zu tun. Für ihn hat das heutige Dilemma vor allem einen Grund. "Das Handwerk unterliegt saisonal und konjunkturell starken Schwankungen. So sind die Jobs unsicherer als zum Beispiel in der Industrie. Das reißt regelmäßig Personallücken", zeigt Peisker auf.
Doch es gibt Lichtblicke: Die Handwerkskammer Chemnitz forciert die Ausbildung junger Tschechen und ist mit einem Projekt für angehende Elektroniker und Straßenbauer bundesweit Vorreiter. "Bisher haben wir neun Teilnehmer, meist aus der Umgebung von Most", sagt Pressesprecherin Katrin Hilbert. Gespräche mit weiteren Bewerbern laufen. Am 22. August soll die Ausbildung beginnen. Neue Wege geht auch die über 1300Mitarbeiter zählende Hartmannsdorfer Unternehmensgruppe Komsa. Der Kommunikationsdienstleister feilt an einem grenzübergreifenden Trainee- und Ausbildungsprogramm.
Gemeinsam mit Arbeitsagenturen in Polen und Tschechien klügelt Komsa ein Projekt aus, um geeignete Leute für die IT-Branche zu rekrutieren. Gebraucht wird alles - vom Handy-Reparierer bis zum Softwareentwickler. Einen langen Atem bei der Nachwuchssuche beweist das Unternehmen Benseler. Zum Girlsday lud der Betrieb Schülerinnen aus der Tschechischen Republik ein. "Uns ist klar, dass keine von ihnen sofort bei uns einsteigt", sagt Personalchefin Auerbach. "Aber vielleicht lohnt es sich auf lange Sicht."


13:22 Uhr
ZwenAusZwota: Hm... irgendwie finde ich das Rumgejammere der Firmenchefs sehr merkwürdig. Es fehlen Leute, ja - aber mit den entsprechenden Löhnen/Gehältern kann man diese anlocken.
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, das solche Firmen, wie KOMSA und Co. gar kein Interesse daran haben, deutsche Fachkräfte einzustellen, denn dann müsste man ja entsprechende Löhne/Gehälter zahlen. Dann doch lieber jemanden aus dem Ausland für einen Hungerlohn schuften lassen. Ich frage mich allen Ernstes, wie der Chef eines der größten Kommunikationsdienstleisters überhaupt noch in den Spiegel schauen kann, wenn in der Öffentlichkeit solche pseudomoralistischen Parolen a la "wir rekrutieren uns die Leute direkt in Polen und Tschechien" verbreitet werden und das auch noch als Fortschritt verkauft wird. Es gibt in und um Chemnitz und Mittweida genügen IT-Kräfte - nur leider werden hier von den o.g. Firma gerade mal 60% vom branchenüblichen Gehalt gezahlt. Und das hat nichts mit Ost oder West zu tun...