Schlagstöcke und Teleskopschlagstangen, andere unerlaubte Waffen und Propagandamaterial stellte man einst bei den Razzien sicher.
Foto: Norbert Millauer/dapd
Braune Schatten
Längst gehören auch Politiker und Bürger aus der Mitte der Gesellschaft zum Kreis der Opfer rechtsextremer Kriminalität
Rochlitz/Geithain. Der Spieleabend endete jäh. Zu neunt saßen Mike Schröder* und seine Freunde um den Tisch, als es klirrte. Betonpflastersteine prasselten auf die Front des Hauses an der Rochlitzer Burgstraße, das der 36-Jährige zur Musikkneipe umbaut. Mit dem Glas der Scheiben regnete ein Dutzend Steinbrocken ins Zimmer. "Gut, dass keiner einen an den Kopf bekommen hat", sagt Schröder und zeigt eins der faustgroßen Geschosse.
Nach einer Schrecksekunde sei er zur Tür gehechtet, erzählt der 1,85-Meter-Mann. Die Angreifer in dunklen Windjacken verschwanden um die nächste Ecke. Schröder rannte hinterher. Er sah, wie sieben Flüchtende in zwei Autos stiegen. Vom zweiten, einem VW Golf mit Freiberger Kennzeichen, habe er die Nummer erkannt. Mochte er zuvor noch Zweifel gehabt haben, wessen Geistes Kind die Angreifer waren, so lieferte das Kennzeichen eine Antwort. "Es endete auf 18", sagt er. Eins und Acht stehen in der rechtsextremen Szene für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets, also AH, kurz für Adolf Hitler.
Der Kennzeichenspur gehe man nach, sagt Heidi Hennig, Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz, die mit Verweis auf die Ermittlungen weitere Einschätzungen zum Überfall in der Nacht zum 19. Juli aber ablehnt. Nach Recherchen im Internet sieht Schröder seinen Verdacht bestätigt. Tage vorm Angriff war ein Foto von seinem Haus in einem Schülernetzwerk aufgetaucht. Der anonyme Einsteller des Fotos ereiferte sich, dass "linke Gewalttäter" einen Treffpunkt bekämen "und wir hier nix bekommen, nur weil wir national sind". Seine Aufforderung war unmissverständlich. Quer über dem Foto prangte der Satz: "Zum Abschuss freigegeben!"
Linke Gewalttäter? Auf dem Ärmel trägt Schröder einen Aufnäher mit einem Hakenkreuz im Papierkorb. "Halt deine Umwelt sauber", steht darüber. "Ich sehe mich in erster Linie als Mensch", sagt er. "Natürlich" habe er "ein paar utopische Ideen von einer solidarischen Gesellschaft". Wenngleich er Rochlitz nicht als regionale Hochburg von Neonazi-Terror bezeichnen will, so gehe auch im Ort Gewalt eher von rechtsextremer Seite aus.


