Doppik: Warum Rathäuser mauern
Bis 2013 sollen die Kommunen eine Buchführung wie Unternehmen aufbauen
Rochlitz. Übereifer sieht anders aus: Nur 16 der 56 Städte und Gemeinden in Mittelsachsen haben bisher die Doppik eingeführt oder wollen es dieses Jahr tun. Die Gründe für das zögerliche Agieren sind vielfältig: Zum einen schreckt die immense Bürokratie ab, zum anderen befürchten die Orte härtere Bandagen.
Denn: Das neue Zahlenwerk kann zu einem Politikum werden - es ermöglicht immerhin tiefe Einblicke in die Arbeit der Verwaltungen. So klagen Städte und Gemeinden infolge der Umstellung nun vermehrt über Haushaltslöcher. Nicht nur für die Rochlitzer Oberbürgermeisterin Kerstin Arndt (FDP) ist das ein Zeichen dafür, dass "in den vergangenen Jahren oft auch über die Verhältnisse gelebt wurde". Da dies gewöhnlich kein Politiker gern zugibt, könnte das eine Ursache für die skeptischen Stimmen aus vielen Kommunen sein. Haushaltsexperte Günter Tebbe von der Bertelsmann-Stiftung bringt es auf den Punkt: "Offenbar will sich keiner in die Karten schauen lassen. Schließlich soll die Doppik zu mehr Transparenz verhelfen." Der Hallenser Ökonom Christoph Weiser bestätigt, dass die neue Buchführung den Kommunen den Spiegel vorhält. "Sie zeigt, wie die finanzielle Situation wirklich ist", sagt der Wirtschaftswissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg. Wer investiert, müsse eben auch Rücklagen bilden. "Sonst geht es an die Substanz."
Darüber hinaus mindert die Doppik die Investitionskraft der Kommunen weiter. Pikant: Der Bau kleiner Straßen, die nur wenige Leute nutzen, ist unter neuen Gesichtspunkten schlichtweg unwirtschaftlich, geben kommunale Finanzer zu. Trotz alledem ist die Rochlitzer Oberbürgermeisterin Kerstin Arndt (FDP) überzeugt: "Die Doppik-Einführung ist richtig. Sie bewirkt ein Umdenken bei Investitionen."
Doch diese Meinung stößt kaum auf Widerhall. Hainichens Bürgermeister zeigt sich eher skeptisch: "Mit welchen Einnahmen sollen wir denn die Abschreibungen, also die Wertminderungen, erwirtschaften?", fragt Dieter Greysinger (SPD). Bei der jetzigen Finanzlage bräuchten nun fast alle sächsischen Kommunen eine Haushaltskonsolidierung.
Ergo: Sparen ist angesagt. Ein Blick in die Statistik belegt dies. Im Kreis sind neun Gemeinden schuldenfrei - lediglich 16 Prozent. Auch die Kosten der Umstellung auf die Doppik und der Personalaufwand sind für viele Finanzer Anlass zu Kritik. So beschäftigt sich die Erzgebirgs-Gemeinde Mulda mittwochs ausschließlich mit der Umstellung. Freiberg kostet die Doppik-Reform fast 3 Millionen Euro. Und erstmals hatte die Große Kreisstadt im vorigen Jahr keinen ausgeglichenen Haushalt - rund 2,4 Millionen Euro fehlten. Freibergs Finanzbürgermeister Sven Krüger (SPD): "Ohne Doppik hätten wir 5,6 Millionen Euro Plus."
Allen Bedenken zum Trotz: An der Doppik führt kein Weg vorbei. "Insofern sollte es so schnell wie möglich geschehen - und es lohnt sich ja auch. Man lebt nicht mehr nur in den Tag hinein", konstatiert Fachmann Günter Tebbe von der Bertelsmann-Stiftung.


