Die 91-jährige Charlotte Jacob hatte beim Besuch von Jessy schnell Zutrauen zu der Hündin gefasst. Katja Werner (rechts) und ihr Labrador spielten mit den Senioren, unter ihnen Ursel Beyer und Helene Papenfuß (hinten von links). Betreuungsassistentin Sandra Kost half dabei.
Foto: Eckardt Mildner
Therapeut auf vier Pfoten
Pflegeheimbewohner bekommen regelmäßig vierbeinigen Besuch
Lichtenberg. Die acht Senioren im Halbrund blicken etwas scheu - einige sogar ein bisschen ängstlich. Nicht jeden Tag sehen sich die Frauen und Männer im Pflegeheim Lichtenberg einem Vierbeiner gegenüber. Doch Katja Werner spricht beruhigend, während ihr Labrador Jessy schon mal schnuppernd Kontakt herstellt und zur Begrüßung kurz bellt.
Für 20 Minuten nehmen die Ergotherapeutin und ihre Hündin - sie sind ein Therapie-Begleithundeteam - die älteren Menschen mit in eine andere Welt. Jeder holt Leckerlis aus einem Beutel und gibt sie Jessy. "Das Zufassen schult die Motorik", erklärt Katja Werner, bevor sie zu einem Spiel greift: Dabei sind Kleinigkeiten für die Hündin zu verstecken. Wieder greifen die Senioren in den Beutel und legen die Belohnungen unter kleine Behältnisse auf einem Tablett. Jessy findet jeden Hundekuchen - nun ist selbst beim letzten Senior im Raum das Eis geschmolzen. Jessy bekommt Streicheleinheiten, und während die Frauen und Männer ihr Fell berühren, lächeln sie.
Auch der 80-jährige Manfred Hegewald streichelt liebevoll über die Hündin. Dabei erinnert er sich - manchmal etwas mühevoll nach den richtigen Worten suchend - an seinen Cousin, der einen Spitz-Hund besaß. Geduldig lässt sich Jessy dabei berühren. "Sie kann Therapie-Situationen gut einschätzen", kommentiert Katja Werner.
Genau diese geistigen und körperlichen Aktivitäten der Senioren sind es, die mit der tiergestützten Therapie im Pflegeheim der Stiftung Münch erreicht werden sollen. "Viele unserer Bewohner kommen aus dem ländlichen Bereich und haben früher selbst Tiere gehabt", sagt Sonja Langer, Bereichsleiterin für soziale Betreuung. Jessy übernimmt allein durch ihre Anwesenheit eine Art Mittlerfunktion zwischen den alten Menschen und den Mitarbeitern im Haus. Deutlich wird für die Betreuer in Lichtenberg bei der Umsetzung ihres Sozialkonzeptes immer wieder, dass nicht nur Medikamente etwas bewirken. "Situationen lassen sich durch die Anwesenheit von Jessy entkrampfen, selbst depressive oder aggressive Menschen werden zugänglicher. Das schafft kaum eine andere Therapie", erfährt Katja Werner bei jedem ihrer Einsätze mit der Hündin.
Ganz besonders sichtbar werde das in der Wachkomastation im Pflegeheim. Selbst diese Patienten zeigen oft verhaltene Reaktionen. Denn Jessy darf - nach genau festgelegtem Hygieneplan - auch zu den Patienten ins Bett. Das hat der Labrador in seiner Ausbildung gelernt. Und er scheint zu verstehen, worauf es bei den Besuchen der Schwerkranken ankommt.


