Kühe Marko beim Füttern der Tiere seiner neuen Großeltern. Auch solche Erlebnisse bieten sich ihm jetzt.

Foto: Privat

Behinderter Gast erlebt Familienwelt

Diakonie bietet ein Projekt zur Aufnahme eines geistig behinderten Menschen an

Auerbach. Durch die Aufnahme eines geistig behinderten jungen Mannes wuchs die Familie von Gernot Dörfel im Herbst auf sieben Köpfe an. "Die ersten Wochen des Zusammenlebens mit Marko waren spannend, weil es sowohl für den Gast als auch für uns als Familie eine völlig neue Situation war", beschreibt der Vorstandssprecher der Diakonie Auerbach die Situation. Völlig neu war die Situation auch für den 20-Jährigen, weil er noch nie in einer intakten Familie gelebt hat.

Offenes Haus

Gäste sind im Eicher Haus der Familie nichts Neues. "Wir hatten schon immer ein offenes Haus und auch schon Behinderte zu uns eingeladen." Die ersten Wochen haben die Dörfels auch durch die Hilfe von Peggy Uhlig gut überstanden. Die Pflegefamilienberaterin und Heil- erzieherin kümmert sich um das seit 1. Juli bei der Auerbacher Diakonie laufende Projekt "Betreutes Wohnen in Familien". Neben den Dörfels gibt es aktuell vier Gastfamilien.

Über die Aufnahme des Gastes hat die ganze Familie beraten. "Wir wollten dazu unsere Kinder mit einbeziehen, auch unsere Tochter, die schon aus dem Haus ist." Dass der Zeitpunkt der Aufnahme von Marko kurz nach dem Projektbeginn liegt, ist laut Gernot Dörfel Zufall: "Wir haben schon lange darüber nachgedacht, einen behinderten Menschen aufzunehmen."

Am Ende ergab sich die Aufnahme sehr kurzfristig: Der 20-Jährige hätte aufgrund seines Alters Ende August vom Jugend- in ein Erwachsenenwohnheim wechseln müssen. Laut Peggy Uhlig war aufgrund des Zeitdrucks die Vorbereitung für die Familie ungewöhnlich kurz. "Das ist üblicherweise ein mehrmonatiger Prozess. Die Gastfamilien können in Ruhe auswählen, ob das neue Familienmitglied von Alter und Interessen zur Familie passt." Damit soll unter anderem vorgebeugt werden, dass die Familien überfordert sind.

Etwas zurück geben

Motivation zur Aufnahme von Markus war für die Dörfels das Glück, das sie in ihrer Familie erlebt haben: "Wir haben vier gesunde Kinder und wollten etwas von unserem Schatz zurückgeben. Man sollte solchen Menschen die Chance geben, eine Familie zu erleben." Nach einer von Dörfel als spannend bezeichneten Eingewöhnung gehört Marko zur Familie, als sei es nie anders gewesen. "Er hat sich gut integriert. Wir erleben die kleinen Fortschritte: Wie er sich freut, dass er dankbar ist, dass er lernt, Verantwortung zu übernehmen." Als Beispiel nennt Dörfel, dass Marko freiwillig beim Weihnachtsputz helfen wollte. Die Entwicklung sei beachtenswert, da der 20-Jährige bisher ständig in Heimen lebte. "Eine gegenseitige Wertschätzung war ihm bisher nicht bekannt. Er lernt langsam, dass er nicht nur anerkannt wird, weil er etwas bestimmtes kann." An der Entwicklung haben auch seine neuen Großeltern großen Anteil. "Sie haben eine kleine Landwirtschaft. Marko ist begeistert von den Tieren." Gernot Dörfel bezeichnet das Verhältnis als sehr inniglich.

Weihnachten hat Marko bei seinem Vater verbracht. Laut Peggy Uhlig wird bei dem Projekt darauf geachtet, dass Bindungen zu den leiblichen Eltern erhalten bleiben - wenn sie noch bestehen. Deshalb haben die Dörfels Markos Vater auch einmal zu sich nachhause eingeladen. Silvester verbringt der junge Mann wieder in Eich.

Das neue Leben hat sich auf Marko nach den wenigen Wochen bereits positiv ausgewirkt, sagt Peggy Uhlig. "Er ist deutlich ruhiger geworden." Von dem ständigen, zwanghaften Winken sei kaum noch etwas übrig geblieben. Und: "Er ist stolz auf seine Gasteltern, weil er bei ihnen viel gelernt hat."

 
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Behinderter Gast erlebt Familienwelt
Projekt Gastfamilien
 
erschienen am 28.12.2011 ( Von Lutz Hergert )
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