In der inzwischen vom Erdboden verschwundenen Jagdhütte links lebte Thomas S. wohl zwölf Jahre lang, in der auf dem Buch unten verbrachte "Walden"-Autor Henry David Thoreau knapp über zwei.
Foto: Silke Keller-Thoß
Der Mann aus dem Wald
Seit dem Fund seiner Leiche beschäftigt der "Waldmann" von Falkenstein die Behörden
Falkenstein. Falkenstein. Als Hunderttausende die Weihe der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden feiern, ist Thomas S. nicht dabei. Menschenansammlungen sind nicht sein Ding. Doch den Bericht über das Ereignis auf der Titelseite der "Freien Presse" vom 1. November 2005 wird er gelesen haben. Die Zeitung fand man beim Skelett in "seiner" Hütte im Wald. Wenngleich er die Abgeschiedenheit wählte, fürs Weltgeschehen interessierte sich Thomas S. durchaus. "Er hat schon zurückgezogen gelebt, als er hier wohnte", erinnert sich Sigrid Schwandjak an die Vorwendezeit, als der Mann in die kleine Erdgeschosswohnung an der Falkensteiner Rosa-Luxemburg-Straße zog. Sie zeigt auf die Fenster neben der Bäckerei, in der sie seit Jahren arbeitet. Ab und an habe der Mann scheu hinter den Gardinen hervorgelugt, erinnert sich die 67-Jährige. "Mal war er da, dann war er wieder weg."
Weg war Thomas S. nicht wirklich, wenngleich er laut örtlichen Behörden seit 1993 als "unbekannt verzogen" galt. Er tauschte die vier Wände im damals unsanierten, heute schmucken Altbau gegen eine verwaiste Jagdhütte ein. Kaum drei Kilometer von seiner Wohnung entfernt, abseits der Straße zwischen den Ortsteilen Dorfstadt und Oberlauterbach hauste er im Wald. Knapp 20 holzumbaute Quadratmeter und der Mischwald, der die Hütte umgab, waren seine Welt - mindestens zwölf Jahre lang.
Wann genau der Mann starb, der seit Auffinden seiner teilweise skelettierten Leiche als "Waldmann" von Falkenstein durch den Blätterwald deutscher Zeitungen spukt, ist unklar. Die Fetzen der Kleidung, in die seine Überreste gehüllt waren, als der Jagdpächter am Montag voriger Woche die Hütte erstmals seit Jahren näherer Inspektion unterzog, deuten auf einen Tod zur Winterzeit hin. Auch fand man in der Hütte weitere Zeitungen aus dem Jahr 2006. Genau wird man den Todeszeitpunkt kaum feststellen können, glauben Experten, doch soll ein DNA-Abgleich mit einem entfernten Verwandten zumindest letzte Zweifel daran nehmen, dass der über Jahre unentdeckt im Gebälk unterm Hüttendach liegende Leichnam der des Mannes ist, der die Hütte über Jahre bewohnte und dessen alten DDR-Ausweis man dort fand: Thomas S., geboren 1957 in Quedlinburg, der in den 80er-Jahren ins Vogtland zog, zuerst nach Rodewisch, dann 1988 nach Falkenstein.

