Harmonie Tino Seifert will das Harmonie-Gebäude in der Sorgaer Straße zu einer Wohn- und Begegnungsstätte für Menschen ausbauen, die nach der Therapie von Süchten oder Depressionen ein neues Leben beginnen wollen.

Foto: Joachim Thoss

Neue Hoffnung für die Harmonie in Auerbach

Neu-Auerbacher hat das traditionsreiche Gebäude gekauft und will es mithilfe eines Vereins auf Vordermann bringen

Auerbach. "Ich alleine kann's nicht stemmen", bekennt der neue Harmonie-Besitzer Tino Seifert. Im Juli hatte der aus Bärenwalde stammende 43-Jährige das rote Backstein-Gebäude Sorgaer Straße 4 gekauft, das seit 16 Jahren leer steht und vom Verfall bedroht ist. Finanziert hat Seifert den Erwerb durch den Verkauf seines Veranstaltungs-Service-Unternehmens. "Ich selbst habe mein Leben nach der Überwindung einer Krankheit komplett umgestellt; hier möchte ich einen Treffpunkt für Menschen aufbauen, die nach der Therapie von Süchten oder Depressionen aufgefangen werden müssen." Diese könnten hier wohnen, arbeiten oder künstlerisch tätig sein und so eine Perspektive bekommen. Christliche Nächstenliebe bezeichnet Seifert als seinen Antrieb.

Schon seit Jahren träumte der Bärenwalder davon, ein altes Backstein-Gebäude, etwa einen Bahnhof, zu kaufen. Vor einem halben Jahr zog er nach Auerbach, fand dann im Internet das Angebot zum Kauf des einstigen Gasthofs. Dass sich hier früher die Harmonie-Gesellschaft traf, der es um Gemeinnützigkeit und Geselligkeit ging, erfuhr er erst später, sieht es jedoch als gutes Omen: "Daran will ich anknüpfen." Alkohol werde es im Gebäude allerdings nicht mehr geben.

Die Substanz des Hauses sei relativ gut, einige Schäden im Dach hat er inzwischen ausgebessert. Allerdings sind einige Wände noch nass, müssen erst austrocknen. Heizkörper hat der Frost gesprengt. Doch Wasser- und Stromleitungen sind weitgehend intakt, Vandalismus hat sich bislang in Grenzen gehalten.

Der gelernte Schlosser und vielseitige Handwerker, der zunächst in seiner alten Firma weiterarbeitet, will so viel wie möglich selbst erledigen, unterstützt werde er durch Freunde und Familie. "Doch ich bin auf weitere Hilfe angewiesen, will dazu einen Verein gründen", erklärt er. Schließlich solle hier mit einer Wohn- und Begegnungsstätte etwas fürs Allgemeinwohl geschaffen werden. Kontakte geknüpft hat er bereits zu den Museumsfreunden sowie zur Stadtverwaltung, wo er auf offene Ohren gestoßen sei. "Allgemein zeigte man sich froh darüber, dass hier wieder Leben reinkommt." Angesprochen worden sei zum Beispiel eine mögliche Freilegung der benachbarten, völlig verwilderten alten Turngasse, sowie ein Wiederaufbau der alten Harmonie-Laube, die einst hinter dem Gebäude stand: "Aber das ist noch Zukunftsmusik."

Inwieweit die im Gebäude befindliche frühere Wagenhalle gewerblich genutzt werden könnte, müsse sich noch zeigen. Eventuell seien Planenherstellung und ein Anhängerverleih möglich: "Aber wenn, dann im Rahmen einer gemeinnützigen GmbH", so der frühere Unternehmer. Für sich selbst träumt er von einer Wohnung direkt unter dem Dach: "Von der Badewanne aus in die Sterne gucken, das wär's."

Interessenten für das Harmonie-Projekt sind am Samstag, 15. September, 18 Uhr, zum Besuch des Gebäudes eingeladen. Eigentümer Tino Seifert ist unter der Handy-Nummer 0172 6420658 erreichbar.

Harmonie-Historie

Die Gesellschaft Harmonie ist als einer der ältesten "Vergnügungsvereine" des Vogtlandes 1800/1801 in Auerbach entstanden. Seit 1819 saß die Gesellschaft an der Sorgaer Straße, das aktuelle Gebäude wurde 1892 errichtet und auch als Gasthof mit Kegelbahn genutzt.

Im März 1920, während des Kapp-Putsches, wurde das Harmonie-Gebäude von bewaffneten Arbeitern unter dem Kommando von Max Hoelz gegen die Reichswehr verteidigt.

Die Freimaurer-Loge Parzival hatte offenbar ihren Sitz in der Harmonie, bis die Nazis sie nach ihrer Machtergreifung 1933 verboten. Die Harmoniegesellschaft löste sich 1937 auf.

Noch vor dem 2. Weltkrieg zog eine Kfz-Werkstatt ins Gebäude ein, später wurde es von Wema und Volkspolizei genutzt. Zuletzt, bis 1996, befand sich die Kfz-Zulassungsstelle hier.

 
erschienen am 05.09.2012 ( Von Bernd Appel )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 10.09.2012
    15:40 Uhr

    Schronka: find ich top, dass jemand mal was macht. und offensichtlich nicht aus gewinnstreben und selbstprofilierungsgründen. mal gucken wie der mürrische auerbacher das annimmt.

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