Der "Wettiner Hof" zu seiner Blütezeit, mit 140 Zimmern und einem malerischen Blick auf die Badelandschaft.
Foto: Sächsisches Bademuseum Bad Elster
Von Asche zu Staub
Für den "Wettiner Hof" in Bad Elster hat das letzte Stündlein geschlagen
Bad Elster. Krachend beißt sich die Zange des Baggers durch einen Schornstein. Ein Regen aus Ziegeln prasselt auf die Baustelle. Mit dem Wasserstrahl aus einem Schlauch folgt ein Arbeiter dem fallenden Schutt. Vorbei an Betonbruchstücken, die sich, an stählernen Fäden pendelnd, ans Gebäude klammern. Vorbei an gähnenden Öffnungen, hinter denen einst prächtige Flure zu Zimmern führten. Vorbei an sprossenverglasten Türen, die in ihren Angeln überm Abgrund hängen.
Der Architekt und die alte Dame
"Ein Auge lacht, das andere weint", sagt Hildegard Pfretzschner, eine der vielen, teils fotografierenden Schaulustigen, die beobachten, wie sich die Bagger Meter für Meter in den "Wettiner Hof" fressen. In jenes Gebäude, das Hildegard Pfretzschner seit der Kindheit kennt. Damals erlebte es seine dritte Blüte. "Im Café gab es herrliche Eisbecher. Als junge Frau war ich manchmal in der Tanzbar. War nicht leicht, da rein zu kommen", erzählt die 68-Jährige, die heute ab und an Gästegruppen durch Bad Elster führt. Beim Anblick des allein durch seine Ausmaße imposanten Baus entsinnt sie sich der früheren Pracht. Besucher indes sehen eher den Schandfleck. Naserümpfend werde sie oft gefragt: "Was ist denn das da?" Es habe sich eben mehr als 20 Jahre nichts getan, urteilt sie. Außer, dass die Natur sich Bahn brach. Der Zahn der Zeit nahm Gestalt an, in Form stattlicher Bäume, die aus Wänden und Öffnungen des Baus wucherten.
"Für die Leute ist es wichtig zu sehen, dass sich etwas bewegt", stimmt Christoph Flämig, der Bürgermeister von Bad Elster, zu. Dennoch - ganz so will er es nicht stehen lassen, dass sich nichts getan habe. "Ich habe Konzepte und Studien ordnerweise", sagt Flämig, der 1982 als Architekt nach Bad Elster kam und zum "Wettiner Hof" eine besondere Beziehung entwickelte. In dem Gebäude, das zu diesem Zeitpunkt weitgehend leer stand, bezog er im ersten Stock sein Büro. Er sollte für die Bäderverwaltung die Sanierung planen. Allerdings schien das Haus zu dem Zeitpunkt auch bei DDR-Oberen im fernen Berlin in Vergessenheit geraten. "Es hatte schon 1968 Eingaben gegeben, weil das Dach undicht war. Die Antwort lautete nur: Stellen Sie einen Eimer drunter", erzählt Flämig. Was nun kam, war der Beginn einer wundersamen Beziehung. Er, der Architekt im funktionell orientierten Sozialismus und sie, die große alte Dame der Belle Époque im Königlich-Sächsischen Staatsbad Bad Elster.
Meter für Meter fressen sich die Abrissbagger von der Südseite die 70 Meter lange Front entlang durch "Wettiner Hof".
Foto: Harald Sulski
Vom Prunkhotel zum Sanatorium
Flämig grub in der Historie des Hauses. Wenn er durch die leeren Flure schritt, konnte er die frühere Aura spüren. Nachdem 1907 ein Brand das Vorgängergebäude zerstört hatte, baute man innerhalb von zwei Jahren Ersatz. Wie ein Phönix aus der Asche erstand wiederum ein Hotel vom Rang des ersten Hauses am Platz. Immerhin hatte bereits im früheren Hotel höchste Prominenz logiert, mitunter Mitglieder der russischen Zarenfamilie. Der Beleg dafür hängt noch heute im Ortsmuseum: Jenes Bild, das der kaiserlich-russische Hofrat, damals im Gefolge der Gäste, 1849 von der entstehenden Badelandschaft malte.
1909 wurde der Ersatzneubau eröffnet, der in mehrfacher Hinsicht Maßstäbe sprengte. Zum einen war da die prachtvolle Hülle in jenem Stil, der bis heute das ganze Ortsbild prägt. "Bäderarchitektur, bei der überall der Jugendstil durchguckt", sagt Flämig. Zum anderen befand sich unter der prunkvollen Haut ein modernes Skelett aus Stahlbeton, das den 70 Meter langen, am Turm 35 Meter hohen Hotelpalast trug.
Doch schon im Zweiten Weltkrieg ließ das Umfeld des "Wettiner Hofs" erste Federn. Das Jäger-Standbild vis à vis, das dem Sächsischen König 1913 gewidmet worden war, verschwand spurlos. "Ob es für die Kriegsproduktion eingeschmolzen wurde oder in irgendeinem Villengarten steht, ist unklar", sagt Flämig. Auch im Haus selbst gab es Veränderungen. 1954 wurde es "den Werktätigen übergeben", wie die Volksstimme damals schrieb, "als 'Karl-Marx-Hof', das größte Sanatorium der DDR". Der Autor polarisierte: Heute sei in dem Haus, das "den verpflichtenden Namen des größten Sohnes Deutschlands" trage, "kein Raum mehr für Kriegsgewinnler, Rittergutsbesitzer, abgedankte Fürsten". Statt dessen erholten sich nun Arbeiter in den schönen Räumen.
Auch nur ein Intermezzo, dem in den 80er-Jahren Leere folgte. Und eine erneute Umbenennung. "Man sprach nur noch vom Objekt Bahnhofstraße 1, weil man Karl Marx angesichts des Gebäudezustands nicht zu nahe treten wollte", sagt Flämig. Nach Monaten guten Zuredens gelang es ihm 1987, einen Güterwaggon mit vier Tonnen Kupferblech und tonnenweise Biberschwanz-Ziegel nach Bad Elster zu lotsen. Die Dachsanierung lief an, weitere Maßnahmen lahmten. Allerdings machte das Zentralkomitee der SED klar, dass sehr wohl Geld locker zu machen war, nur eben für den inzwischen ungeliebten Karl-Marx-Hof nicht mehr. "Im Herbst 1989 weihte man für ZK-Mitglieder das Sanatorium 'Haus am See' hier im Ort ein", erzählt Flämig. Selbst "linientreue Genossen" hätten da gemeutert. Während im Kurort regelrecht "die Luft brannte", wankten andernorts Mauern.
Nach der Wende avancierte der Sanierungs-Architekt Flämig bei den ersten Wahlen zum Bürgermeister und plante fortan aus dem Rathaus für seine Grande Dame weiter. "Es gab Gespräche mit Steigenberger. Ein Investor, bei dem man nicht mal die Bonität prüfen musste", sagt er. Doch sei der Freistaat, Besitzer des "Wettiner Hofs", wohl noch nicht so weit gewesen, Pläne für einen kleinen Ort im Grenzgebiet fern der Landeshauptstadt zu schmieden. Auch der zweite Anlauf ging schief. Zu einer Zeit, als sich der Verwaltungsapparat des Freistaats noch im Aufbau befand, hätten er und ein potenzieller Investor aus der schwäbischen Fürstenfamilie Waldburg-Wolfegg in Dresden auf Granit gebissen - bei Leih-Beamten aus Baden-Württemberg. An allem hätten die herumgenörgelt. "Eine Auflage nach der anderen gab es, Hindernisse, nicht ergebnisorientiert", urteilt Flämig. Nach einigen Monaten Spießrutenlaufen habe der Fürst abgewinkt: Er wolle sich nicht vorführen lassen.
Ein Ultimatum und neues Hoffen
Was folgte, waren zwei Jahrzehnte der Hoffnung - und Rückschläge: Münchner Investoren, die ein Sanatorium planten, bis ihnen kur-unfreundliche Bundespolitik dazwischenkam. Ideen für eine weitere Spielbank, der der Freistaat die Gunst versagte. Und viele Investoren, für die er immer wieder "den roten Teppich" ausgerollt habe, die sich aber oft als windig erwiesen, sagt der Bürgermeister.
Täglich zweimal kommt Flämig an den Abrissarbeiten vorbei. Es tue weh, doch blicke er wieder nach vorn. "Ich habe gekämpft, solange es möglich war." Der Freistaat beendete den Kampf mit einem Ultimatum: Der Abriss des inzwischen in Stadtbesitz übergegangenen Hauses werde zu 75 Prozent gefördert, aber nur, wenn dieser Abriss bis Mai 2011 beginne. Stadtrat und Stadtoberhaupt beugten sich. Bis Juli soll der "Wettiner Hof" verschwunden sein - restlos - inklusive noch vorhandener Fundamente des abgebrannten Ursprungsbaus.
Doch hofft Flämig bereits, dass das Hotel erneut wieder ersteht. Im Zuge der Thermalbad-Erweiterung, für die erste Bohrungen stattfanden, benötige der Ort neben den vielen kleinen Hotels und Gästehäusern wieder ein großes Haus mit mehreren Hundert Betten und mindestens Vier-Sterne-Niveau, sagt er. Spruchreif ist zwar noch nichts, doch zückt Flämig einen Joker. Das Haus solle nahe am Original nachgebaut werden. Frühere Planer nahmen exakt Maß und machten Unmengen Fotos, vom Kandelaber bis zu Türornamenten. "Als wir die der Denkmalschützerin gezeigt haben, war sie glücklich", sagt Flämig. Denn auch die Denkmalbehörde hatte sich bis zum Schluss gegen den Abriss gesträubt - vergeblich.
Ein neues Hotel anstelle des alten mitten in Bad Elsters "guter Stube", vis à vis dem Albert-Bad, dem Theater und dem Kurhaus? "Das wäre wunderbar", sagt Hildegard Pfretzschner, während der Wasserstrahl des Bauarbeiters wehenden Staub bindet. "Nur so recht dran glauben kann ich noch nicht", sagt sie.