"Das Vogtland bietet einem Strauß landschaftlich alles"

Falkensteiner Tierarzt Veit Müller schätzt den entlaufenen Laufvogel als ungefährlich ein - Spur von Henne "Zazu" hat sich seit einer Woche verloren

Falkenstein. Ein Strauß streift seit einiger Zeit durch die Wälder im oberen Vogtland. Dr. Veit Müller hat als Tierarzt für den Tierpark Falkenstein oft mit Wildtieren zu tun, vor denen sich so mancher Vogtländer Auge in Auge fürchten würde. Über die Überlebenschancen des Vogels sprach er mit Nicole Jähn.

"Freie Presse": Kann ein Strauß aus einer Zuchtfarm in freier Wildbahn im Vogtland überleben?

Veit Müller: So lange er Futter findet, ja. Im Winter wird das sicher etwas eng werden. Aber die frostigen Temperaturen allein würden ihm nichts ausmachen. So ein Strauß hält einiges aus. Eher wird ihm wohl ein Auto zum Verhängnis.

Ein Unfall mit einem Strauß wäre auch für Autofahrer nicht ganz ohne. Wofür plädieren Sie als Tierarzt: Vogel abschießen, einfangen oder laufen lassen?

Schwierige Entscheidung. Meiner Meinung nach wird zu viel Zeremoniell gemacht, sobald ein Tier aus seinem gewohnten Territorium ausbüxt. Man denke nur an den Fall von Braunbär Bruno. Natürlich nehmen Öffentlichkeit und Medien solche Geschichten gern auf. Aber die Lebenswirklichkeit der Tiere sieht doch anders aus. Man denke nur an den Aufwand um Kuh Yvonne, die dann aufs Gut Aiderbichl kam. Sowas ist mir zu hoch.

Wie sollten sich Spaziergänger verhalten, die "Zazu" begegnen?

Gucken und freuen, dass sie den Strauß gesehen haben. Das Tier ist nicht aggressiv. So lange die Henne kein Jungtier dabei hat, das sie beschützen will, hat sie keinen Grund dazu. Selbst wenn es ein Hahn in der Balz wäre, dürfte er allein unterwegs nicht angriffslustig sein. Von ihm geht keine andere Gefahr aus als von einem Hirsch oder einem anderen Tier im Wald.

Könnten Einfangversuche ihn erst aggressiv machen?

Das lässt sich schlecht sagen. Natürlich müsste es professionell gemacht werden. Einen Strauß einfangen ist gar nicht so leicht. Versucht man das Tier in eine Ecke zu drücken, könnte es durchaus gefährlich werden. Wenn ein Strauß zustößt, kann die Wucht einem Menschen die Beine brechen. Der Sporn am Fuß ist zudem sehr gefährlich. Damit kann das Tier Wunden strampeln. Strauße setzen ihn bei Rivalenkämpfen ein und als Waffe gegen Raubtiere - in Afrika. Im Vogtland hat ein Tier dieser Größe keine natürlichen Feinde.

Welche Distanzen kann der Laufvogel zurücklegen?

Das weiß ich nicht. Aber wenn er wandert, dann nur wegen der Futtersuche. Einen anderen Grund gibt es für einen Strauß nicht. Hat er seine Ruhe und das Gebiet ist für ihn gut, bleibt er.

Ist das Vogtland ein gutes Terrain für Strauße? Würden ihm offene Flächen nicht besser schmecken als dichter Wald?

Das Vogtland bietet einem Strauß doch im Grunde landschaftlich alles. Aber ich glaube nicht, dass ihm die ewige Feuchtigkeit hier auf Dauer so gut gefällt (lacht).

 
erschienen am 11.06.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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