Die Gewerkschafter waren selbst überrascht vom Echo auf ihren Aufruf: Dicht an dicht standen am Dienstagnachmittag die Demonstranten auf dem Plauener Altmarkt. Die Angst vor einer massiven Deindustrialisierung im ganzen Vogtland hatte sie hierher getrieben.
Foto: Ellen Liebner
4000 demonstrieren für Arbeit
IG Metall mobilisiert gegen drohende Entlassungen - Konzept von der Landesregierung gefordert
Plauen.
Plauen. Bei der wohl größten Demonstration in Plauen seit der friedlichen Revolution haben am Dienstag auf dem Altmarkt etwa 4000 Vogtländer gegen Arbeitsplatz-Abbau protestiert. Die IG Metall hatte zu der Kundgebung unter dem Motto "Arbeit - Leben - Zukunft" aufgerufen.
Am Dienstag, 13.02 Uhr, vor den Toren von Philips in der L.-F.-Schönherr-Straße: Mit einem ohrenbetäubenden Konzert von Trillerpfeifen, Fanfaren und Tröten setzt sich der Demonstrationszug Richtung Altmarkt in Bewegung. Im etwa 500 Leute starken Zug marschieren auch Thilo Franz, 38, Anlagenfahrer bei Philips, seine Frau Sandra, 35, und Sohn Tristan, 6, mit. Sandra ist Arzthelferin und stattet die Kleinfamilie mit Ohrenstöpseln aus. Das erweist sich als umsichtig.
Thilo trägt gemeinsam mit einem Kollegen ein Schild: "Philips braucht noch mehr Kohle, deshalb produziert H 4 jetzt der Pole". Die H 4 ist eine Glühlampe, die Philips ab dem nächsten Jahr in Plauens polnischer Partnerstadt Pabianice herstellen lassen will. Thilo ist einer der 150 Leute, die derzeit noch in Plauen an dem Produkt arbeiten. Die gesamte Philips-Belegschaft trägt dunkelblaue T-Shirts "Alles bleibt hier, auch die H 4".
"Wenn diese Produktion wegbricht, dann ist Philips in Plauen bald ganz am Ende", meint Thilo Franz. "Die H 4 ist ein großes Stück vom Kuchen." Seine Frau ergänzt: "Wenn die Politik so weitermacht, dann müssen wir bald die Koffer packen und der Arbeit nachziehen." Dabei sind sie erst vor ein paar Jahren der Arbeit wegen von Zwickau nach Plauen umgezogen. Sohn Tristan kommt in diesem Jahr in die Schule. Eine Gewerkschaftsfrau gibt dem Kleinen eine rote Trillerpfeife, aber das mit dem Reinpusten bekommt er nicht gleich hin.
13.35 Uhr, am Dittrichplatz: An der Haltestelle applaudiert eine Frau dem Demonstrationszug, ein paar andere nicken zustimmend. Ein junger Mann pöbelt einen Gewerkschafter an, weil die Bahn nicht kommt: "Verzögerung auf allen Linien wegen einer Demonstration" läuft auf den Anzeigetafeln durch. Tristan hat die Trillerpfeife inzwischen im Griff.
13.50 Uhr: Der Zug erreicht den Altmarkt, wo bereits Tausende versammelt sind. Die Plakate weisen auf Neoplan, Nema Netzschkau, Manroland hin, Gewerkschaftsfahnen und riesige Netze voller roter Helium-Ballons wehen im Wind, Rockmusik dröhnt. Mit dem Ruf "Geht's euch gut?" will der Bandleader das Publikum anheizen. "Dann wären wir nicht hier", knurrt ein Demonstrant. Auch Sandra Franz ist sauer: Sie schimpft mit Plakat-Trägern, die sich nach dem Marsch auf die Schilder stützen: "Die müssen hoch, es geht doch um eure Arbeit!"
14.30 Uhr: Philips-Betriebsrat Andreas Rother spricht als zweiter Redner: "Viele haben auf Philips vertraut, haben ein Haus gebaut, ein Auto gekauft, haben in die Zukunft investiert -das muss Philips jetzt auch tun! Es geht auch um die Kinder. Es genügt nicht, wenn Oma und Opa ihre Enkel alle halben Jahre in Stuttgart, Berlin oder Hamburg besuchen." Thilo und Sandra klatschen heftig, Tristan hat entdeckt, dass man die Trillerpfeife auch auseinandernehmen kann.
14.50 Uhr: Stefan Kademann von der IG Metall ruft: "Schaut auf diese Stadt!" Die Aufforderung gilt der Landesregierung in Dresden. "Früher war dort das Tal der Ahnungslosen, heute ist dort das Tal der Hilflosen." Der Ministerpräsident müsse sich den Hut aufsetzen, ein Konzept zur Erhaltung der Industrie werde gebraucht: "Wir brauchen jetzt Karl, nicht Karlchen."
15.45 Uhr: Die Demo ist aus, zum Abschluss steigen 2000 rote Ballons in den Himmel - eine für jeden bedrohten Arbeitsplatz. "Ich bin ganz begeistert, das war sehr sinnvoll und gut", meint Thilo Franz. "Die Forderung nach Neuwahlen müsste wesentlich lauter werden", ergänzt Sandra Franz. Beide sehen in solchen Demonstrationen die einzige Möglichkeit, etwas zu bewegen: "Die sollte noch viel stärker genutzt werden", sagt Thilo, der den müden Tristan auf dem Arm hat. Die Musik beginnt, die Familie Franz geht.


