Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (links) und sein Hofer Amtskollege Harald Fichtner durchbrachen am Samstag nahe Ullitz eine "Mauer" aus Papier.
Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (links) und sein Hofer Amtskollege Harald Fichtner durchbrachen am Samstag nahe Ullitz eine "Mauer" aus Papier.

Foto: Helmut Schneider

Die Mauer ist weg: Stadtchefs erinnern an deutsche Teilung

Mit dem Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren ist die deutsche Teilung besiegelt worden - Partnerstätte Hof und Plauen erinnern daran

Ullitz/Gutenfürst. Visueller Höhepunkt des Gedenktages war ein symbolischer Mauerdurchbruch nahe dem oberfränkischen Ullitz gewesen. Innerhalb des nunmehr 20. Städtelaufes von Plauen nach Hof durchliefen die Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) aus Plauen und Harald Fichtner (CSU) aus Hof am Samstag kurz vor Mittag bei Kilometer 27,4 eine Wand aus Papier. Beide Politiker konnten sich des Beifalls von gut einhundert Schaulustigen gewiss sein, zumal aus zwei Bühnenvulkanen silbern funkelnde Fontänen gen Himmel stiegen.

Zum diesjährigen Städtelauf, bei dem 33 Kilometer zu bewältigen waren, kamen 164 Teilnehmer. Er stand unter dem Motto "Nicht gegeneinander, sondern miteinander laufen".

Die eigentliche Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Mauerbaus fand dann zwei Stunden später am ehemaligen Grenzbahnhof im sächsischen Gutenfürst statt. Vor rund 400 Gästen aus Bayern, Sachsen und Thüringen erinnerten die beiden Stadtchefs daran, wie sich mit der Abriegelung das Leben von einem Tag auf den anderen in gravierender Weise veränderte und die Teilung Deutschlands endgültig besiegelt worden ist. "Einfach schön" nannte es Oberdorfer, dass nach dem Mauerfall die Region wieder sehr, sehr gut zusammengewachsen sei. Wie jeder habe auch er seine ganz persönliche kleine Geschichte von der leidvollen Teilung. "Umso größer ist meine Freude, jetzt in einem freien und vereinten Deutschland zu leben", sagte der Plauener OB, der die Bewahrung der Erinnerungskultur an einem symbolträchtigen Ort wie den Gutenfürster Bahnhof für ausgesprochen wichtig hält.

Die Frage nach dem Unrechtsstaat DDR hält sein Hofer Kollege Fichtner für beantwortet. "Gibt es ein größeres Unrecht, als 17 Millionen Menschen fast drei Jahrzehnte lang einzusperren?" fragte er zurück. Für Vogtland-Landrat Tassilo Lenk (CDU) hat das Ende der DDR schon mit dem Mauerbau begonnen. Denn: "Freiheit kann man nicht aussperren." Dass alles gekommen ist wie es kam und dies auch ohne jedes Blutvergießen, dafür zeigten sich alle Redner unendlich dankbar.

Interessante Details über die Interzonenzüge und die Grenzabfertigung in Gutenfürst offenbarte der Eisenbahner Falk Kertscher. Von 1946 bis 1989 ist der Bahnhof laut Kertscher laufend ausgebaut und erweitert, sind die Repressionsmethoden ständig verbessert und verfeinert worden. Bis der zu einem Bollwerk zwischen Ost und West aufgerüstete Bahnhof als unüberwindlich für Flüchtlinge galt.

Bis zum Samstag war auch nichts von einer gelungenen Flucht über Gutenfürst bekannt geworden. Aber: "Trotz Hunden, Röntgenanlagen und Spiegeln habe ich es geschafft", meldete sich bei der Gedenkveranstaltung ein heute bei Stuttgart lebender Mann aus Oelsnitz im Erzgebirge zu Wort. Am 9. September 1965 habe er sich im damaligen Karl-Marx-Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt, im Achsgestänge eines Zuges versteckt und dort vier Stunden bis Hof in Hohlkreuzhaltung ausgeharrt, berichtete Gerhard Winkler mit bewegter Stimme. Allein eine Stunde habe er so, außerdem gepeinigt von Angst, in Gutenfürst überstehen müssen, bis der Zug endlich weiter fuhr. Beifall brandete auf.

Längst ist von den strengen Sicherheitseinrichtungen nichts mehr zu sehen, ist das seit Jahren ungenutzte Abfertigungsgebäude dem Verfall preisgegeben. Für den Reuther Bürgermeister Ulrich Lupart (DSU) war das Anlass zum Appell an Bahn und Politik, keine Ruine daraus werden zu lassen und den Bahnhof zur Gedenkstätte zu machen.

Die Gutenfürsterin Sylvia Fritsche, die sich seit langem für den Aufbau einer Gedenk- und Begegnungsstätte einsetzt, zeigte auf Ausstellungstafeln historische Fotodokumente und stellte ihre Idee vor. Unterstützung von politischer Seite bekommt sie bislang nicht.

Angeboten wurde außerdem eine Wanderung entlang der früheren deutsch-deutschen Grenze, die vom ehemaligen bayerischen Grenzpolizisten Joachim Vollert geleitet wurde. Dabei bekamen die in vier Gruppen aufgeteilten Teilnehmer spannende Geschichten von gelungenen und tödlichen Fluchten zu hören, erhielten sie tiefe Einblicke in den Grenzalltag sowie umfassende Informationen über das Grüne Band.

Die unerwartet große Resonanz sieht Organisator Jürgen Stader von der Stadt Hof als Beweis dafür, dass das Thema auch gut 20 Jahre nach dem Mauerfall Menschen bewegt.

 
erschienen am 14.08.2011 ( Von Dieter Feustel )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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