Energisch hat Physiotherapeut Christian Ulbricht den Diebstahl der Geldkassette seiner Chefin verhindert (Szene nachgestellt).
Foto: Ellen Liebner
Mutiger Physiotherapeut verjagt Räuber
Bei laufendem Betrieb hat ein Dieb eine Plauener Physiotherapie-Praxis heimgesucht
Plauen. Christian Ulbricht ist der mutigste Physiotherapeut Plauens: Der 22-Jährige hat am Montag mit ganzem Körpereinsatz verhindert, dass ein Einbrecher bei laufendem Praxisbetrieb die Geldkassette seiner Chefin klauen konnte. Jetzt ist der Wirbel um den jungen Mann groß. Im Radio berichten sie über ihn, die Patienten schütteln erleichtert seine Hand. Was war passiert?
Mann will Geldkassette stehlen
Ein ganz gewöhnlicher Montagnachmittag in der Physiotherapie-Praxis von Heike Bergmann am Albertplatz. Christian Ulbricht behandelt einen Patienten. Gegen 16.45 Uhr ist er fertig, öffnet die Tür zum Wartezimmer - und plötzlich steht er da: ein großer Mann, dunkles, kurzes Haar, 1,75 bis 1,80 Meter groß, Drei-Tage-Bart an Kinn und Oberlippe, graues Shirt, schwarze Hose. Doch dieser Mann ist kein Patient. Dieser Mann ist ein Dieb - er hält die Geldkassette der Praxis in der Hand. Mehrere Hundert Euro sind darin. "Ey, was is'n hier los?", fragt sich Christian Ulbricht. Er erstarrt nicht, er handelt. Der 22-Jährige fordert den Kriminellen auf, die Geldkassette herauszurücken. "Nur her mit unserem Zeug", ging durch seinen Kopf. "Was hier ist, bleibt auch hier."
Doch der Dieb will das Bare behalten. Er versucht, zu entkommen und rennt zur Praxiseingangstür - aber Christian Ulbricht ist schneller. Der Therapeut knallt dem Mann die Tür vor der Nase zu und löst mit einem heftigen Schlag des Unterarms die Geldkassette aus der Umklammerung des Einbrechers - sie landet auf dem Boden.
Dieb entkommt
Was folgt, ist ein heftiges Gerangel im Flur, von dem auch Chefin Heike Bergmann Wind bekommt. Sie sieht noch, wie der Arm ihres Mitarbeiters zwischen Tür und Wand eingeklemmt wird, dann rennt der Dieb davon. Ulbricht folgt ihm zwar - doch vergebens. Der Täter kann entwischen. Wie sich später herausstellt, hat er zwar nicht die Geldkassette, dafür aber das Portemonnaie der Praxisinhaberin mitgehen lassen. Dennoch zeigte sich diese am Dienstag mehr als erleichtert: "Wenn meinem Christian etwas passiert wäre. Kaum auszudenken, der Täter hätte ein Messer gezückt", sagte sie.
Heike Bergmann berichtete, dass der Besuch des Diebes nicht der erste war: Stunden vor seinem Raubzug hatte der Mann die Praxis schon einmal aufgesucht - unter fadenscheinigem Vorwand. Er gab sich als Profifußballer aus, behauptete, einen Psychotherapeuten zu suchen. Minuten später sprach er von Problemen mit den Bandscheiben. Die Physiotherapeutin hatte ein ungutes Gefühl: Dieser Mann war ihr nicht geheuer. Schließlich bat er um einen Besuch auf der Toilette - dann verschwand er. Und kam später, als niemand mehr im Wartezimmer und Sekretariat saß, wieder. Auf Beutefang.
Polizei sucht jetzt den Täter
Jetzt ermittelt die Polizei. In den nächsten Tagen soll ein Phantombild erstellt werden. Mehrere Zeugen haben den Mann gesehen, der vogtländischen Dialekt gesprochen haben soll. Heike Bergmann saß der Schreck am Dienstag noch in den Gliedern - sie will nun zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Und sich bei ihrem einzigen männlichen Mitarbeiter für den mutigen Einsatz bedanken. Erst 22 Jahre ist der Retter alt, nicht einmal 1,70 Meter groß - einen Dieb hat er trotzdem davongejagt. Für ihn war die Reaktion einfach ein Reflex. Seine Freundin schimpfte: "Du bist doch verrückt", aber Christian Ulbricht sah's gelassen. Er wollte einfach nur nach Hause. Er hatte Hunger.


