Alltag für Oberarzt Matthias Wißgott (links) und seinen Kollegen Michael Manitz - Ausnahmesituation für Patient Friedmann Teuscher.Foto: Ellen Liebner
Patienten-Ansturm in der Notaufnahme Plauen
Ärztemangel und das zunehmende Alter der Vogtländer bescheren Krankenhaus volle Rettungsstelle
Plauen. Fürs Retten gibt es klare Regeln: zuerst Hirn, Herz und schwere Wunden. Zwischendurch die Fälle, die niemanden umbringen. Zum Beispiel das Knie, das seit Wochen schmerzt. Das provoziert mitunter Frust unter jenen, die warten müssen. Für andere ist es überlebenswichtig.
Nie zuvor hat Matthias Wißgott mit seinem Team so viele Menschen behandelt wie im vergangenen Jahr - fast 25.000 waren es. Der Oberarzt leitet die Rettungsstelle des Helios Vogtland-Klinikums. Landauf, landab strömen die Kranken die Notaufnahmen. Ein Trend, der an Plauen nicht vorbeigeht. Gründe dafür gibt es viele: Die Wartezeiten bei Fachärzten sind lang, ihre Praxen ausgelastet. Eine Rolle spielt auch das Alter der Menschen, die in der Region wohnen. Wer alt ist, braucht häufiger den Notarzt. Auch die Hemmschwelle ist gesunken, sich in die Notaufnahme zu setzen.
Für die Krankenhaus-Spitze spielen Gründe keine Rolle. "Wir haben einen Versorgungsauftrag und werden mit dem, was zu uns kommt, fertig", sagt Geschäftsführer Marcus Sommer. Dass Notaufnahmen nur für Notfälle gedacht sind, für akut auftretende, schwere Erkrankungen und Unfälle, ist nur Theorie. "Wie definiert man denn einen Notfall?", sagt Sommer und lässt die Frage im Raum stehen. Seit 2005 ist die Zahl der Patienten in der Rettungsstelle um 37 Prozent gestiegen.
Um den Ansturm besser steuern zu können, wurde die Rettungsstelle im Vorjahr umgebaut. Für 250.000 Euro hat der Helios-Konzern unter anderem zwei zusätzliche Untersuchungszimmer angelegt und den Warteraum vergrößert. Seit Herbst gibt es im Medizinischen Versorgungszentrum, der Ambulanz des Krankenhauses, außerdem eine Allgemeinarzt-Praxis. Dort sollen tagsüber die leichteren Fälle abgefangen werden, die in die Notaufnahme kommen. Zeckenbisse und Bienenstiche zum Beispiel. "Im Sommer schalten wir das scharf, das wird entlasten", sagt Marcus Sommer.
Nach Angaben des Krankenhauses wartet ein Patient im Durchschnitt 35 Minuten auf den Erstkontakt mit dem Arzt. Nach zwei Stunden Behandlungszeit verlässt er die Notaufnahme, sagt die Klinik-Statistik. Die Dauer erklärt Oberarzt Matthias Wißgott mit den umfangreichen Untersuchungen, die er und seine Kollegen aus den Spezialabteilungen vornehmen - Röntgen, EKG, Computertomografie, Ultraschall. Die meisten bekommen Blut gezogen. Allein bis die Blutwerte vorliegen, vergehen demnach eineinhalb Stunden. "Die Patienten erhalten ein Rundum-Sorglos-Paket", sagt Sommer. Mehr als jeder Zweite darf danach wieder heim, muss nicht im Krankenhaus übernachten.
Dieses Jahr führt der Helios-Konzern eine Art Tüv in der Notaufnahme ein. Es geht um ein Computersystem, ein standardisiertes Verfahren, das die Patienten nach Dringlichkeit sortiert. Die seit Wochen dauernden Knieschmerzen bekommen den blauen Punkt, der Verdacht auf Schlaganfall den roten.


