Schüler Zwölftklässler des Berufsschulzentrums "Anne Frank" setzen sich für ihren Geschichtslehrer ein, um ihm vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren. Sie haben mehr als 100 Unterschriften gesammelt.

Foto: Ellen Liebner

Plauen: Lehrer droht Jobverlust - Schüler starten Protestaktion

Sachsen sucht händeringend Pädagogen - im Vogtland soll ein junger Lehrer vor die Tür gesetzt werden

Plauen. Seine Tage sind gezählt. Ein junger Lehrer, der am Plauener Berufsschulzentrum "Anne Frank" unterrichtet, steht ab August ohne Job da. Sein befristeter Arbeitsvertrag läuft Ende des Monats aus. Aussicht auf Verlängerung: gleich null.

Bei den Schülern ist die Empörung groß. Als sie vor einigen Tagen vom Abschied ihres Lehrers erfuhren, entschieden sie: Wir wollen etwas unternehmen, uns dafür einsetzen, dass er bleiben kann. Innerhalb kürzester Zeit sammelten sie über 100 Unterschriften, schickten sie an die Bildungsagentur in Zwickau. "Innerhalb von drei Jahren sollen wir den dritten Geschichtslehrer bekommen. Hier herrscht fliegender Lehrerwechsel", klagt Laura Bittmann, eine der Zwölftklässlerinnen. "Fakt ist doch: Nächstes Jahr müssen wir die Abi-Prüfungen schreiben, uns zugleich aber auf einen neuen Lehrer einstellen."

In einem Brief an die Bildungsagentur reden die Schüler Tacheles: "Wir können diese Entscheidung nicht nachvollziehen und wollen sie so auch nicht akzeptieren." Sie bitten die Bildungsagentur, die Entscheidung noch einmal zu überdenken - vor allem, weil der betroffene Lehrer guten Unterricht gestalte. "Es macht richtig Spaß. Obwohl Geschichte nicht gerade mein Lieblingsfach ist, ist der Unterricht abwechslungsreich, nie langweilig", sagt Elisa Tunger. Selbst interesselose Schüler könne der Lehrer motivieren. So viel Lob für einen Pädagogen - das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Aktion seiner Schüler hat den Lehrer sehr überrascht. Sich öffentlich zu dem Fall äußern, möchte er nicht.

Die Chancen, dass er bleiben darf, stehen indes schlecht. Nach Auskunft der Bildungsagentur in Zwickau hat das zwei Gründe: Zum einen war der Lehrer bislang auf Honorarbasis beschäftigt. Das heißt: Er besetzt keine feste Stelle, sondern wurde zusätzlich engagiert, um den Bedarf zu decken. "Einstellung auf Mittel" heißt das in der Fachsprache. Das war maximal zwei Jahre möglich, die bereits im vergangenen Sommer beendet waren. Der Lehrer klagte damals, es kam zu einem Vergleich. Inhalt: Ein Schuljahr darf er noch. Dieses Jahr ist nun vorbei.

Der Pädagoge hat sich deshalb auch für andere Schulen beworben - doch erfolglos. Ihm droht ab August die Arbeitslosigkeit. Dabei kommt der zweite Grund ins Spiel: "Der Lehrer hat mit Wirtschaft und Geschichte eine Fächerkombination, für die es in Sachsen derzeit keinen Bedarf gibt. Wir brauchen im beruflichen Bereich Spezialisten, zum Beispiel für Gesundheit und Pflege", sagt Arndt Schubert, Sprecher der Bildungsagentur in Zwickau. Nach seinen Worten sind im Bereich der Zwickauer Regionalstelle fürs kommende Schuljahr nur fünf Neueinstellungen vorgesehen - dabei handelt es sich vor allem um Lehrer mit Spezialgebieten.

Nach Angaben der Arbeitsagentur waren im Vogtland im Juni 48 pädagogische Kräfte arbeitslos gemeldet. Dass auch der junge Pädagoge des Berufsschulzentrums "Anne Frank" demnächst ohne Job dasteht, glaubt Bildungsagentur-Sprecher Schubert indes nicht. Er könne sich doch bei freien Trägern bewerben, schlägt er vor - dass diese meist deutlich weniger bezahlen, sagt er freilich nicht.

 
erschienen am 20.07.2012 ( Von Nancy Dietrich )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
2
(Anmeldung erforderlich)
  • 21.07.2012
    16:21 Uhr

    crashy9708: WIE WAHR!

    Zu meiner Zeit hieß es, dass wir fürs Leben lernen - wenigstens daran hat sich nix geändert.

    Wie, gelinde gesagt, dämlich kann eine Behörde oder ein Freistaat nur sein, der einen Lehrer in die Arbeitslosigkeit schickt?

    Das ist "ökonomische Onanie" in Vollendung:

    Der Staat bezahlte über -zig Jahre dessen Bildung und Ausbildung und nun:

    Der Staat zahlt ihm nun das ALG I, falls er darauf Anspruch hat. Wenn nicht, dann hängt er (wenn er Pech hat) gleich in Hartz IV und dann wird es für den Freistaat und die Kommune richtig teuer:

    Er wird dann (irgendwann einmal) eine "Weiterbildung" bekommen und dann noch eine und dann noch eine... und mit all diesen "Zertifikaten" kann er sich den "Hintern" wischen, weil er damit nix auf dem Arbeitsmarkt anfangen kann.

    Wenn das nicht hilft, dann kommen noch die "viel übleren Szenarien" dazu - man nennt sie dann "Umschulung zum...", natürlich mit dem Pflichtprogramm des "Bewerbungs-Trainings", des "PC-Lehrganges" oder eines Lehrganges zur "Verbesserung der deutschen Sprache"!

    Ihr glaubt, das wäre ein Witz?

    Mir wollte man das über 16 Jahre "andrehen" - nur ich habe mich erfolgreich dagegen gewehrt und mir die Qualifikationen geholt, die mir heute mit über "50" wenigstens einen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt ermöglichen.

    Aber Dank Hartz-IV kann man ja heute die AN "erpressen" und wenn es mit Stellen bei sogenannten "freien Trägern" ist, deren Netto-Lohn gerade mal dort liegt, wo die "Grundsicherung" eines ALG II - Empfängers anfängt. Ein ALG II - Empfänger, der hat ja keine weiteren Sonderausgaben an Fahrgeld und beruflichen Mehraufwendungen - selbst wenn es sich nur um einen "lausigen" Wecker handelt, den man zum Aufstehen braucht.

    Hoffentlich hat einer der Schüler den Mut und bringt diese Posse ins Fernsehen, aber bitte dorthin, wo der Sender noch einen gewissen Anspruch an sein Klientel stellt.

    Viel Erfolg - Beharrlichkeit zahlt sich aus.

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  • 20.07.2012
    09:01 Uhr

    schnuffelduffel: So sind die Arbeitgeber & Politik in Sachsen: Menschen sind hier nur Zahlen.

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