In Zwickau werden Schulsozialarbeiter schon in den unteren Klassenstufen eingesetzt: Cindy Flade (rechts) betreut die Neuntklässler der Gagarin-Mittelschule in Eckersbach seit vier Jahren.
Foto: Marcus Richter/Archiv
Schulsozialarbeit: Vogtland hinkt hinterher
Kreis sieht kaum Bedarf, bei Problemen wie Mobbing, Gewalt oder Armut zu helfen
Plauen. Eva-Maria Stange hat das Vogtland abgewatscht. Als die Ex-Wissenschaftsministerin (SPD) kürzlich im Landtag über die Sozialarbeit in Sachsens Schulen sprach, hatte sie für so manchen Landkreis Lob parat - nur fürs Vogtland nicht.
Die Region in Südwestsachsen gehört für Bildungsexpertin Stange zu den Schlusslichtern in Sachen Schulsozialarbeit. Lediglich an vier Berufsschulen beziehungsweise ihren Außenstellen sind ein paar "Retter in der Not" im Einsatz. Beim Rest: Fehlanzeige. Doch warum hinkt das Vogtland so hinterher?
Amt: Angebote reichen aus
Der Vogtlandkreis, der für die Jugendhilfe und damit für die Schulsozialarbeit zuständig ist, sieht keinen Bedarf. Jugendamtsleiter Berthold Geier: "Wir sehen derzeit die vorhandenen Angebote der Jugendarbeit als ausreichend an." Die Schule müsse sich den veränderten Lebenssituationen junger Menschen durch eigene Angebote noch deutlicher zuwenden.
Ganz anderer Meinung sind da allerdings die Schulleiter - sie beklagen, mit den Problemen der Kinder und Jugendlichen allein gelassen zu werden. Mobbing, Gewalt, Armut, Scheidung oder Arbeitslosigkeit der Eltern bestimmen bei vielen Schülern den Alltag. "Wir brauchen mehr Unterstützung von außen. Die Lehrer allein können die Probleme der Gegenwart nicht lösen", sagt zum Beispiel die Leiterin der Plauener Hufelandschule, Simone Heilmann. Und sie bemängelt: "Die Jugendhilfe wird ihrem Namen gar nicht mehr gerecht. Sie ist nur noch die Polizei für Härtefälle."
Die Direktoren des Vogtlands fordern vor allem eines: Schulsozialarbeit sollte nicht erst in den berufsbildenden Klassen einsetzen. "Unsere Sozialarbeiterin muss hier Dinge reparieren, die nicht bei uns passiert sind. Dabei könnte schon in den Grundschulen intensiv Vorsorge betrieben werden", meint Rainer Maria Kett, Schulleiter des Plauener Berufsschulzentrums (BSZ) e.o.plauen. Kett gehört zwar zu den wenigen Glücklichen, die über eine Schulsozialarbeiterin verfügen - doch selbst am BSZ hapert's: Arbeitsverträge sind befristet, Schüler müssen sich plötzlich an neue Ansprechpartner gewöhnen - dabei sollen sie doch eigentlich Vertrauen zu den Kontaktpersonen aufbauen.
Schulsozialarbeit ist freiwillig
In Plauen gibt es schon seit Monaten Bestrebungen, mehr Retter in der Not einzusetzen. Vor allem Linken-Stadträtin Petra Rank hakt immer wieder nach - doch sie scheitert an fehlenden Zuständigkeiten. Ex-Wissenschaftsministerin Stange beklagt das: "Die Schulsozialarbeit fällt in den Bereich der Freiwilligkeit, der wie eine heiße Kartoffel von einem zum anderen verschoben wird." Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: "Einige Schulleiter wagen es gar nicht, nach Sozialarbeitern zu fragen, weil sie fürchten, dass das ein schlechtes Bild auf ihre Einrichtungen wirft", schildert Petra Rank - dabei sollten eigentlich die Vorzüge im Vordergrund stehen: "Schulsozialarbeiter sind neutrale Personen, die keine Noten geben. Mit ihnen sprechen die Schüler viel eher über Probleme als mit uns", so Mittelschul-Chefin Simone Heilmann.
Immerhin: Das Rad der Schulsozialarbeit soll sich im Vogtland demnächst etwas drehen - zwei neue Stellen sind geplant. Zunächst soll ein Förder-Projekt an der Lernförderschule "Käthe-Kollwitz" im Zusammenhang mit der Schule für Erziehungshilfe umgesetzt werden. "Sobald die entsprechenden Kofinanzierungsmittel bereit stehen, könnte nach Rücksprache mit dem Landesjugendamt zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2012 das Projekt starten", so Amtsleiter Geier.
Andere machen's vor
Schulleiterin Karin Schneider sieht dringenden Bedarf: "Auf das Lernen können wir als Lehrer eingehen, auf das Verhalten der Schüler weniger." Dass Schulsozialarbeit funktionieren kann, zeigen die anderen sächsischen Landkreise: Dort sind die Retter in der Not längst in Grund-, Mittel-, Förderschulen und sogar in Gymnasien im Einsatz.


