Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (52), der als Chef des vogtländischen Wasser- und Abwasserzweckverbands das riskante Finanzgeschäft zu verantworten hat. Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (52), der als Chef des vogtländischen Wasser- und Abwasserzweckverbands das riskante Finanzgeschäft zu verantworten hat.

Foto: Ellen Liebner/Archiv

"Selbstverständlich schlafe ich ruhig"

Vogtländer in Sorge: Steigen wegen des Zinswette-Desasters die Wasserpreise?

Plauen. Ein hoch riskantes Finanzgeschäft kann dem Verband Wasser/Abwasser Vogtland (Zwav) enorme Verluste bescheren. Tino Beyer sprach dazu mit dem Zwav-Vorsitzenden Ralf Oberdorfer.

Freie Presse: Herr Oberdorfer, müssen sich die Vogtländer auf höhere Wasserpreise einstellen?

Ralf Oberdorfer: Ich kann nichts versprechen, aber ich glaube an unser Staatssystem, an Gerechtigkeit. Bis zum heutigen Tag gibt es übrigens keine Verluste.

Freie Presse: Aber es stehen enorme Summen im Raum, aus denen Verluste werden können.

Ralf Oberdorfer: Ich gehe nicht davon aus, dass die Verluste jemals realisiert werden. Es sind fiktive Verluste, die eintreten würden, wenn der Vertrag bestehen bliebe für die nächsten 20 Jahre. Aber das wird er nicht. Entweder es gibt eine gütliche Einigung oder einen Richterspruch.

Freie Presse: Wenn der Richterspruch gegen den Zweckverband ausgeht, ist er insolvent.

Ralf Oberdorfer: Nein, es wäre nicht das Ende des Zweckverbandes. Wenn ein Schaden bliebe, ein Teilschaden durch einen Vergleich, ist der Verband stark genug, das zu überstehen. Er hat immerhin einen Wert von mehr als einer halben Milliarde Euro.

Freie Presse: Wenn man vergleichbare Fälle verfolgt, wird es auf einen Gerichtsprozess hinauslaufen.

Ralf Oberdorfer: Im Moment kann sich keiner von seiner Linie weg bewegen. Die Bank nicht, wir auch nicht, keinesfalls. Es läuft auf eine Klage hinaus.

Freie Presse: Freie Presse: Wie lange kann sich so ein Rechtsstreit hinziehen?

Ralf Oberdorfer: Wenn alle Instanzen notwendig sind vier, fünf Jahre. Aber das glaube ich nicht.

Freie Presse: Der fiktive Verlust wird mit jedem Tag größer.

Ralf Oberdorfer: Im Moment hat der Swap reale Erträge von rund drei Millionen Euro erwirtschaftet.

Freie Presse: Schlafen Sie eigentlich ruhig?

Ralf Oberdorfer: Selbstverständlich. Ich habe keinen Job, in dem ich mir Sentimentalitäten leisten kann. Das geht nicht.

Freie Presse: Würden Sie Ihre Unterschrift unter den Swap-Vertrag als größten Fehler Ihrer politischen Laufbahn bezeichnen?

Ralf Oberdorfer: Wenn ein Schaden realisiert werden müsste, vielleicht. Aber das ist viel zu früh, das kann ich im Moment noch nicht beurteilen. Ich bin überzeugt davon, dass die Bundesrepublik Deutschland keine Bananenrepublik ist und das Geschäftsgebaren einer Landesbank vor der Finanzkrise relativiert wird.

Freie Presse: Sie wurden von der vogtländischen Piratenpartei zum Rücktritt aufgefordert. Was sagen Sie dazu?

Ralf Oberdorfer: Ein Rücktritt ist kein Thema. Ich bringe das zu Ende. Ich bin noch nie vor etwas davongelaufen. Es bringt auch gar nichts, sich jetzt im Vogtland gegenseitig zu beharken. Es handelt sich um eine Fehleinschätzung, die deutschlandweit stattgefunden hat. Wir sind da nicht allein. Wir hatten vor dem Vertragsabschluss mehrfach Sitzungen im Verwaltungsrat des Zweckverbandes. Auch die Sparkasse war bei allen Gesprächen dabei. Das Wesen dieses Vertrages war selbst für die besten Experten nicht erkennbar.

Freie Presse: Wenn das so ist: Warum hat man dann nicht die Finger davon gelassen?

Ralf Oberdorfer: Natürlich wäre das besser gewesen. Aber hätte, wäre, wenn - all das bringt uns jetzt keinen Millimeter nach vorn. So ein Swap war zu der Zeit ein übliches Instrument, die Zinsbelastung zu senken. Für 95 Prozent des Kreditvolumens des Wasser-Zweckverbandes war das richtig, für fünf Prozent falsch. Wir können jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen mit offenem Visier kämpfen.

 
erschienen am 01.06.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
3
(Anmeldung erforderlich)
  • 05.06.2012
    10:35 Uhr

    BlummeAugust: Was mich an Herrn Oberdorfer immer wieder überrascht, ist das völlige Fehlen von Selbstzweifel. Diese Selbstüberhöhung durchsetzt inzwischen das gesamte öffentliche Leben in Plauen.

    0 1
     
  • 02.06.2012
    15:41 Uhr

    crashy9708: Auch der Glaube kann Berge versetzen:

    Viele Menschen glaubten an "blühende Landschaften" und sie haben sie auch bekommen, wenn auch oft in der Form von "ruinierten Betrieben" über die so langsam die Natur her fällt, besser gesagt:
    Gras und Unkraut wachsen darüber.

    Viele Menschen glaubten, endlich überhall hin reisen zu können - heute können sie es, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie noch einen Job haben.

    Viele Menschen glaubten daran, dass in einer Leistungsgesellschaft die tatsächliche Leistung zählt - na wenigstens seit der Wulff-Affäre wurden die Menschen eines Besseren belehrt.

    Und wer heute daran glaubt, dass die wahren "Zocker" zur Kasse gebeten werden, der hat aus den letzten 20 Jahren genauso wenig gelernt, wie so mancher "ewig Gestrige", der immer noch der Vergangenheit nach weint.

    Zum Heulen ist die Gegenwart aber auch, eben nur auf einem anderen Niveau...

    ...schließlich geht es uns allen doch heute besser als vor über 20 Jahren, oder etwa nicht?

    Unser Leben ist doch viel interessanter geworden, denn heute wissen wir nicht, was morgen sein wird.

    Wenigstens braucht so manches "Klientel" keine Angst mehr vor der "materiellen Verantwortlichkeit", die es vor der Wende durchaus gab, Angst zu haben.

    Die Bürger werden es schon richten und der Erfindergeist in Form weiterer Abgaben kennt nun einmal keine Grenzen mehr...

    Also weg mit der "mauer in den Köpfen" und bitte recht freundlich, auch wenn wir mal wieder für andere den Kopf hinhalten müssen und das werden wir mit Sicherheit, auch ungefragt!

    1 2
     
  • 02.06.2012
    15:41 Uhr

    detstrei: Warum sollte der Oberbürgermeister auch nicht ruhig schlafen, ist ja nicht sein Geld. Er reiht sich da in die Schlange der anderen politischen Verantwortungsträger ein, die unsere Steuergelder z.B. zur Rettung der deutschen Banken verzocken.
    Aber mal konkret, schon im Jahre 2008 warnte Attac Vogtland, auch alarmiert durch einen Artikel im "Der Spiegel" in einem Brief die Stadt Plauen vor solchen Finanzgeschäften, die Anfrage und die "beruhigende" Antwort der Stadt sind dort unter

    http://attac-vogtland.de/index.php?id=907&tx_ttnews[year]=2008&tx_ttnews[month]=10&tx_ttnews[day]=24&tx_ttnews[tt_news]=2391&cHash=1abaa4f8915d47c9ca9997f70c99fb29

    nachzulesen. Klar ist die ZWAW nicht die Stadt Plauen und was die Stadtkämmerin weiß, muss der OB nicht wissen und was ich als OB weiß, muss mir als Chef der ZWAW noch lange nicht bekannt sein...
    mal sehen, wie lange uns noch Märchen erzählt werden.

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