Theresia Schumann, Andrea Wolf und Hannelore Eichhorn (vorn von links) haben sich am Freitag zu einer witzigen Strick-Fahrt in einer Plauener Straßenbahn getroffen.
Foto: Ellen Liebner
Verrücktes Woll-Spektakel: Plauener stricken ihre Stadt ein
Ein Trend aus den Metropolen erobert das Vogtland - Bei einer ungewöhnlichen Mitmach-Aktion lassen die Plauener die Nadeln glühen
Plauen. Es ist kurz vor 18 Uhr am Freitagabend, als das schrille Spektakel beginnt. Die Fenster dekoriert mit bunten Strickstrümpfen, Wollblumen und -schuhen rattert die erste Plauener Strick-Straßenbahn durch das Zentrum der Vogtlandstadt. Die Blicke der Passanten bleiben haften an dem ungewöhnlichen Oldtimer und seinen weiblichen Passagieren: Dutzende Vogtländerinnen haben sich zum Auftakt des Plauener Spitzenfestes erstmals in der historischen Tram getroffen, um gemeinsam die Stricknadeln glühen zu lassen. Was für ein heiteres Durcheinander. "Zwei links, zwei rechts, in der Mitte eine frei lassen", schallt es aus der einen Richtung. "Bringt mich nicht durcheinander", aus der anderen. Hier eine Nadel, da ein Faden, unzählige Wollpakete stehen auf dem Boden - das Vogtland ist im Strickfieber.
Schon seit Wochen beteiligen sich fingerfertige Plauener an der verrückten Mitmach-Aktion. Sie wollen ihrer Innenstadt ein Wollkleid verpassen. Bänke, Dachrinnen, Gießkannen, Briefkästen, Laternen, Kunstobjekte, Geländer, ja selbst Telefonhörer wurden bereits eingestrickt. Das Rathaus ist geschmückt, die Johanniskirche, das Vogtland-Theater, Museen, Kneipen und Schaufenster. Den ganzen Sommer über soll die Aktion weiterlaufen, Stück für Stück das Zentrum eingehüllt werden.
Michaela und Uwe Fischer verstricken einen Pelikan.
Foto: Ellen Liebner
Der Trend, mit witzigen Wollmotiven die City aufzupeppen, kommt aus den Metropolen dieser Welt. Sogenannte Strick-Graffiti tauchten im Jahr 2005 zum ersten Mal in den USA auf, als ein paar Frauen begannen, Türklinken mit Woll-Accessoires zu verschönern. Längst hat es die Idee nach Europa geschafft, denn Strick-Graffiti haben einen großen Vorteil: "Im Gegensatz zu gesprühten Graffiti können wir unsere Objekte ganz schnell und ohne Rückstände wieder entfernen", sagt Ingrid Eichert von der Plauener Schaustickerei. Dort war im Winter die Idee der Mitmach-Aktion entstanden, nachdem junge Leute für Brunnenfiguren Mützen und Schals gezaubert hatten.
Inzwischen strickt halb Plauen. "Wir sind überwältigt. So viele Menschen haben schon Strickteile bei uns abgegeben", sagt Uwe Fischer, einer der Mitorganisatoren. "Bei der ganzen Aktion ist uns vor allem eines aufgefallen: Es gibt eine neue Bescheidenheit." Was Fischer damit meint: Die Strickenden wollen lieber im Hintergrund bleiben. Was zählt, ist die bunte Straßenkunst. Jung und Alt finden zusammen. Die einen lassen Quietschbuntes entstehen, die anderen Klassisches. "Stricken verbindet", meinte die 29-jährige Birgit Wolf, die einen Sitzplatz in der Strick-Tram ergattert hatte.
Im Gegensatz zu den ursprünglichen Strick-Graffiti wird das Plauener Spektakel koordiniert. "Im Original war die ganze Strick-Aktion etwas halb Illegales, wir hingegen versuchen, die Wollteile zu sammeln, um möglichst viele Objekte in der Innenstadt schmücken zu können", erklärt Theresia Schumann. Wie auch Uwe Fischer arbeitet sie im Plauener Wilke-Haus: In dem Prachtbau haben sich junge Kreative zu einer Bürogemeinschaft zusammengeschlossen. Für witzige Ideen ist man dort aufgeschlossen - genauso wie jene, die Freitagabend in der Strick-Straßenbahn die Nadeln zum Glühen brachten. Mehr als zwei Stunden waren die heiteren Strickdamen unterwegs. Zur Belohnung gab's ein Gläschen Sekt - und eine Ermahnung: "Aber lasst jetzt bitte keine Maschen fallen."

