Schlichting-Mitarbeiter Kai Röhn (rechts) gabelt das Rohsauerkraut in die Förderschnecke, von der aus es portionsgerecht abgepackt wird. Zum Betrieb von Geschäftsführer Otto-Florian Müller (links) gehören 30 Mitarbeiter.
Foto: Ellen Liebner
Vogtländisches Sauerkraut kommt selbst in Spanien auf den Tisch
Die Firma Schlichting schwört auf die gesundheitsfördernde Wirkung seiner Produkte
Plauen. Man mag es kaum glauben: Aber schon vor 100 Jahren war Sauerkraut aus dem Vogtland nicht nur im Vogtland gefragt. Als die Firma im Jahr 1912 ihr 30-jähriges Bestehen feierte, meldete der Vogtländische Anzeiger und Tageblatt: "Welchen Umfang die Versendung ihrer Fabrikate angenommen hat und wie weit das vogtländische Sauerkraut verbreitet wird, geht wohl schon daraus hervor, dass in diesem Jahre zum ersten Mal eine Sendung nach Syrien (asiatische Türkei) abgegangen ist".
"Wenn wir zwar zurzeit auch nicht bis nach Syrien exportieren, so können wir doch sagen, dass Schlichting Sauerkraut zumindest nach ganz Deutschland verkauft wird, und gelegentlich Pakete bis nach Spanien gehen", reagiert Geschäftsführer Otto-Florian Müller auf diese Notiz aus dem vorigen Jahrhundert. 30 Mitarbeiter sind derzeit in dem Familienbetrieb beschäftigt. Hinzu kommen fünf Pauschalkräfte. "Zwei Lehrlinge haben wir übernommen, und bilden auch wieder zwei junge Leute zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik aus."
Wie man es auf 130 Jahre schafft? Auch dafür hat der Plauener eine Erklärung: "Nachdem die Schlichtings dank ihres Sauerkrauts eine sehr langlebige Familie sind, ist es jetzt erst die vierte Generation, denen das Unternehmen gehört." Sauerkraut ist also so gesund, dass man so etwas erreichen kann.
Das Kraut ist reich an Milchsäure, an Vitaminen und Mineralstoffen. Es ist kalorienarm, praktisch fettlos und enthält drei bis vier Prozent Kohlenhydrate. Ein oder zwei Gäbelchen am Tag reichen nach Angaben des Herstellers aus, "um entscheidende Ernährungsmängel auszugleichen".
Das Unternehmen befand sich bei Gründung an der Brückenstraße (Büro) und der Reichenbacher Straße. Die Brückenstraße verläuft zur alten Elsterbrücke. "Seit 1946 ist die Firma aber bereits an der Falkensteiner Straße zu Hause", stellt Otto-Florian Müller klar, "und nicht mehr an der Reichenbacher Straße. Gründer Edmund Schlichting hatte 1882, so würde man es jedenfalls heute sagen, eine Marktlücke entdeckt. Denn er baute das erste Unternehmen dieser Art in der Region auf. Der Gründer leitete den Betrieb auch 1912 noch. Er befinde sich in "voller Frische und Rüstigkeit", schrieb er Vogtländische Anzeiger und Tageblatt damals. Sicher hat das Sauerkraut zu dieser Schaffenskraft beigetragen.
In der Zeit der DDR ist der Lebensmittelproduzent zum Betrieb mit staatlicher Beteiligung geworden. Wie es dazu kam, beschreibt der heutige Geschäftsführer: "1956 waren durch einen Brand große Teile der Einschnitthalle und der Siloanlage beschädigt worden. Die für den Wiederaufbau benötigten Mittel gab es dann nur in Form einer staatlichen Beteiligung, weshalb auch Schlichting in eine KG umgewandelt wurde."
Im Jubiläumsjahr 1962 leitete mit Siegfried und Horst Schlichting die dritte Generation den Familienbetrieb. Die hatte Sorgen, und diese Sorgen kamen damals auch zur Sprache: "Die GHG nimmt uns nichts ab, und Sauerkraut aus dem ersten Kraut ist nicht allzu lange haltbar", sagte Horst Schlichting der Freien Presse in einem am 3. August veröffentlichten Artikel. GHG ist die Abkürzung für Großhandelsgesellschaft, die aufkaufte. Er hoffe, dass die GHG noch eingreife. Denn das Produkt sei doch stark vitaminhaltig. Auch heute ist das Familien-Unternehmen noch erfolgreich. 1995 wurde ein Tochterunternehmen in Ehrenhain gegründet worden. Die Tochtergesellschaft garantiert den feldfrischen Einschnitt des Weißkohls. Von 1996 bis 2000 wurden Werkhallen und Anlagen in Plauen erneuert und modernisiert, neue Technik angeschafft. Seit einiger Zeit schon gehören auch Bayrischkraut, Bohnensalat, Kartoffelsuppe, Rotkraut und anderes zum Sortiment.
Das genaue Datum der Firmengründung sei der 18. September 1882 gewesen, informiert Otto-Florian Müller. "Gut möglich, dass der Betrieb aber schon im August aufgenommen wurde, das Jubiläum Anfang August, einen Monat vor dem Beginn der Weißkohlernte, gefeiert wurde - weil in der Saison sonst kaum Zeit gewesen wäre", geht er auf zwei Zeitungsartikel ein. Denn der Vogtländische Anzeiger und Tageblatt vom Jahr 1912 als auch die Freie Presse von 1962 geben Anfang August als Gründungsdatum und Zeitpunkt des Jubiläums wieder.
Nachdem das 125-jährige Bestehen in großem Rahmen gefeiert wurde, würden die Feierlichkeiten dieses Jahr eher "denen des 80-Jährigen Jubiläums von 1962 ähneln", sagt der Firmenchef. Damals schrieb die Zeitung, dass "im kleinen Kreise der Belegschaft gefeiert wird".

