Die Eingangsseite des 1922 fertiggestellten Plauener Rathauses wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Fast 30 Jahre lang prägte eine Ruine das Stadtbild.
Foto: Stadtarchiv Plauen
Zweiter Anlauf, um eine Kriegswunde zu heilen
Plauen will sein Rathaus umgestalten - Aber wie soll es aussehen?
Plauen. Der Stadtrat tagt gerade, als draußen ein Gewitter niedergeht. Dicke Tropfen peitschen an die Glasfassade des Ratssaals. Eilig werden Eimer herbeigeschafft - es plätschert. Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) ist nicht unglücklich über diesen kleinen Zwischenfall am 27. April 2011. Wird somit doch für Rat und Bürger offenbar, dass die Fassade aus DDR-Zeiten verschlissen ist. Der Wind pfeift durch die Ritzen, Wasser sammelt sich in den Scheiben. Als "Aquarium" verspotten manche Bürger das Gebäude. Und der 1976 eingeweihte Trakt fällt auf. Unter vielen modernen und sanierten Gebäuden der Innenstadt wirkt er als Relikt einer vergangenen Zeit. Gedrungen der Eingang, düster das Foyer. Die Zeit schien reif für eine Veränderung.
Doch wie soll so eine Veränderung aussehen? Der Plauener Stadtchef startet eine öffentliche Diskussion. "Es handelt sich schließlich um das wichtigste öffentliche Gebäude in der Stadt", sagt Ralf Oberdorfer. Drei Schlagwörter prägen die Debatte: Umbau, Nachbau und Neubau. Umbau meint Sanierung, Nachbau die Wiedererrichtung des historischen Gebäudes aus Vorkriegszeiten. Ein Neubau soll mithilfe eines Architektenwettbewerbs gefunden werden. Eine "respektable und respektierte Lösung" wünscht sich der Stadtchef. Kein Gebäude, über das man wieder Witze macht. Egal, was gebaut wird: "Banal darf es keinesfalls werden", sagt Architekt Silvio Lux. Er hat in Plauen öffentliche Gebäude wie das Stadtbad entworfen und leitet die Diskussion, vermittelt in erster Linie Wissen. Lux predigt immer wieder, dass es nicht nur um die Fassade geht. Ein ganzer Trakt steht zur Disposition. Es ist ein Bau, der den Zeitgeist der 1970er Jahre widerspiegelt. Damals wurde das neue Gebäude in die erhaltene historische Bausubstanz des Rathauses wie ein Kasten hineingeschoben. Davor hatte rund 30 Jahre lang eine Ruine das Stadtbild geprägt. Das monumentale Rathaus, Baujahr 1922, war im Krieg im vorderen Teil zerstört worden.
Dieser Glasbau wurde Mitte der 1970er Jahre errichtet. Morgen entscheidet der Rat über dessen Abriss.
Foto: Ellen Liebner
Vor allem für ältere Plauener scheint die Entscheidung in der Umgestaltungs-Debatte deshalb eindeutig. Der historische Bau möge nach Vorbild der Frauenkirche wiedererstehen. Eine Kriegswunde würde geheilt, ein historisches Ensemble wiederhergestellt. Alles andere sei wieder nur Zeitgeist, argumentieren die Nachbau-Befürworter. In der öffentlichen Meinungsbildung gibt es keinen eindeutigen Trend. In den Rats-Gremien schlägt das Pendel jedoch in Richtung Neubau aus. Die CDU-Fraktion will deshalb eine Bürgerbefragung durchsetzen. Am Dienstag entscheidet darüber der Stadtrat. Die Union favorisiert als einzige politische Kraft mehrheitlich eine historische Lösung.
Vor allem rationale Argumente sprechen dagegen. Ein historischer Nachbau wäre nach Schätzungen von Fachleuten gut zehn Millionen Euro teuer - rund ein Drittel mehr als ein Neubau. Mit der Wiederherstellung des Originalgebäudes würden Büroflächen entstehen, für die es in Zeiten einer schrumpfenden Stadt keinen Bedarf gibt. "Größenwahn" sei das, sagt daher die SPD-Fraktion. Sie wünscht sich ein helles, freundliches Rathaus. Transparent soll die Fassade sein - genauso wie die Kommunalpolitik dahinter.
Doch transparent bedeutet oft Glas. Und gegen Glas gibt es unter manchen Plauenern Vorbehalte. Denn einen fremd wirkenden "Glaskasten" haben sie jetzt. Sie meinen: Wenn schon modern, dann wenigstens "harmonisch". Dieses Wörtchen wurde in den Beschlusstext für einen Neubau, wie ihn der Oberbürgermeister vorschlägt, extra eingearbeitet. Eine Beruhigungspille auf dem Weg zum Architektenwettbewerb. Findet eine Bürgerbefragung keine Mehrheit, sollen dafür die Weichen gestellt werden. Ergebnisse würden im Herbst vorliegen.


19:41 Uhr
Ickerbocker: Dem möcht ich mich ergänzend anschließen. Fakst ist, dass Plauen in weiten Teilen schwer zerstört wurde. Insofern ist das heutige Stadtgebiet zwangsläufig voll mit DDR Wiederaufbauarchitektur. Angst diese könnte ganz beseitigt werden muss deshalb keiner haben. Aber halten wir auch fest, dass es den DDR Stadtplanern nicht nur um einen Wiederaufbau ging sondern auch um einen Umbau. Der sich in einer zerstörten Stadt leichter legitimieren lässt als in einer intakten. (nicht anders als im Westen übrigens Stichwort Hannover, Kassel, Darmstadt) Darüberhinaus mussten noch einige Denkmäler aus ideologischen Gründen weichen, sofern der Krieg sie nicht vernichtet hat. Die SED setzte damit die NS Praxis unverfroren ins Gegenteil gewendet fort.
Außerdem ist der Rathausanbau in keiner hinsicht ästhetisch oder bauhistorisch wertvoll. Es ist für die 70ger sogar eine recht plumpe Wiederaufbauleistung. Man schaue sich die elegante Wellblechfassade an den Stirnseiten an. Andere Leute decken damit ihre Gartenlaube ab. Mir ist bis hetzt auch noch kein Plauener über den weg gelaufen, der den Bau auf anhieb schön findet. Weder alt noch Jung. Sicher ist das nicht repräsentativ oder relevant aber doch für jeden als Provisorium ersichtlich und gewissermaßen bezeichnend.
Von einem sprichwörtlichen "Kreuzzug" gegen die DDR Architektur kann übrigens keine Rede sein. Es ist schlicht so, dass sich etliche Plaungen und Verwirklichungen mit heutigen Anforderungen kaum bis gar nicht erhalten lassen. Heißt, die Baupolitik der DDR verfolgte einen Stil von dem wir heute wissen, dass er gescheitert ist. Da die meisten Bauten auch nur aus einem Betongrundbau bestehen ist eine Sanierung oder Umnutzung meist nicht sinnvoll. Daher Abriss und Neubau. Wie gesagt, da unterscheidet man sich nicht von der alten Bundesrepublik (siehe Bundesrechnungshof F.a.m.). Unmittelbare Wiederaufbauarchitektur weißt oftmals gravierende Mängel auf die sich nur mit erheblichen Mehrkosten beheben liesen. Die Krönug dessen stellt wohl der Palast der Republik dar. Eine Sanierung war da gar nicht möglich ohne das Gebäude ab und wieder auf zu bauen.
Daneben gibt es aber auch Ensembles deren Wert man anerkennt. Bspw, der Altmarkt in Dresden, die Karl Marx Allee, Fernsehturm, Staatsratsgebäude usw.
10:14 Uhr
gsx600: Ich will den wirren Äußerungen meines Vorschreibers nichts hinzufügen, ich hab halt einen anderen Standpunkt. Im Bahnhofsareal ist nix mehr "zu retten", da haben die Engländer ganze Arbeit geleistet, aber im Zentrum könnte, wenigstens optisch, eine Wunde geheilt werden. Fassade original, dahinter Zweckbau. Ich empfehle einen Ausflug nach Erfurt, dort hat man die Fassade des ehemaligen Angerkinos erhalten (Gründerzeit) und dahinter einen Konsumtempel (Zara) gebaut, Stahlbeton. So ist die Fassade stilgerecht, Erfurt hatte nur überschaubare Kriegsschäden, da fehlt nicht so viel, da hätte niemand einem modernen Neubau zugestimmt. Vielleicht, liebe Plauener, mal über den Tellerrand schauen. Hat nix mit DDR-Nostalgie zu tun.
18:14 Uhr
crashy9708: KOMIK ODER TRAGIK?
Wenn der Wind durch die Ritzen pfeift, dann kann man das wohl nicht der untergegangenen DDR in die Schuhe schieben, sondern eher denen, die bis heute mit der Werterhaltung geschlampt haben.
Früher war der Eingang mit Farbe angestrichen - sah sogar recht poppig aus. Heute würde man es ja fast der "Graffiti"-Kunst zurechnen.
Wenn dieser "Glaskasten" inmitten der Innenstadt wie ein Relikt aus alter Zeit wirkt, dann frage ich mich, warum reißt Ihr nicht das "Tietz"-Kaufhaus, die Rathäuser und den historischen Stadtkern ganz ab?
Die sind alle noch älter und wurden und werden ja auch teuer saniert - gerade das "Tietz"!
...und was das "historische Stadtbild" anbetrifft, da passt der "Konsum-Kasten" inklusive der PKW-Stellplätze auch nicht ins Bild, das ich von meinem Plauen meiner Kindheit habe!
Wo wir gleich dabei sind:
Der einst modernste Bahnhof Europas mit angrenzendem Busbahnhof, der wirkt ja heute auch nicht mehr gerade zeitgemäß.
Der ÖPNV ist doch so gut wie tot und was soll dann noch so ein großer Bahnhof, der auch noch eine "Historische Altlast" aus DDR-Zeiten in sich birgt.
Reißt den doch gleich mit ab und baut wieder die "Bretterbuden" auf, die nach '45 das Areal zierten.
Mein Gott nochmal, muss denn alles, was zu DDR-Zeiten neu geschaffen wurde, heute "geschleift" werden?
Dann wäre es auch Sinnvoll, das Gelände der ehemaligen OHS der GT platt zu machen - aber da war ja auch vorher der militante deutsche Militarismus drin stationiert.
Na, wenigstens hat die DDR nur den "kalten Krieg" verloren.
Ich frage mich nur, wann endlich hört dieser Krieg auch in den Köpfen der Menschen auf?
Die DDR-Architektur ist genauso ein Teil der deitschen Geschichte, wir die Denkmale des "Barbarossa"!
Wer aber versucht, Geschichte einseitig determiniert aufzuarbeiten, muss sich nicht wundern, wenn der Geist auch weiterhin in den Gemäuern spukt!