Auf Augenhöhe mit einem Raubtier, das seit zehn Jahren seine angestammten Reviere in Sachsen besiedelt. Claus Hermann betrachtet diese Entwicklung mit Freude. Gegen die Gegner der Heimkehr des Wolfes ergreift der Reichenbacher jetzt auch im Internet die Initiative.
Foto: Franko Martin
Der mit dem Wolf fühlt
Für Claus Hermann gehören die Tiere zu Sachsen - Im Internet macht er gegen Jagd-Pläne mobil
Sachsen finanziert Schutzmaßnahmen und kommt für von Wölfen verursachten Schaden auf. Dennoch gibt es Bestrebungen, den Wolf ins sächsische Jagdrecht aufzunehmen. Ein Unding für den Reichenbacher Claus Hermann, der Mitglied der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe ist. Gerd Möckel unterhielt sich mit ihm.
"Freie Presse": Herr Hermann, wie kamen Sie auf den Wolf?
Claus Hermann: Anders gesagt. Ich bin als Kind auf den Hund gekommen, der ja ein domestizierter Wolf ist. So wuchs das Interesse an einem Tier, das uns sehr nahesteht.
"Freie Presse": Inwiefern?
Claus Hermann: In früheren Zeiten haben Mensch und Wolf gewissermaßen als gleichberechtigte Jäger miteinander gelebt. Der Mensch begann, den Wolf zu domestizieren, um dessen Eigenschaften für die Jagd zu nutzen. So wurde aus dem Wolf der Hund. In den Naturreligionen wurde der Wolf sogar als höheres Wesen verehrt. Die Indianer sagen heute noch Bruder Wolf. Erst im Mittelalter wurde er in Europa zur Bestie erklärt. So hielt die Mär vom bösen Wolf Einzug. Dabei greifen Wölfe selbst in dicht besiedelten Gebieten etwa in Italien, in Portugal, aber auch in Sachsen nie Menschen an.
"Freie Presse": Eher umgekehrt. In Sachsen gibt es jetzt Bestrebungen, den Wolf ins Jagdgesetz aufzunehmen. Zehn Jahre nach seiner Rückkehr. Was bedeutet das?
Claus Hermann: In Sachsen wurde 1904 der letzte Wolf geschossen. Jetzt haben wir einige Rudel in der Lausitz. Und eine schizophrene Situation. Auf der einen Seite tritt Sachsen auch finanziell für den Schutz des Wolfes ein. Dann aber soll er in die Liste der jagbaren Arten aufgenommen werden. So sieht es ein dem Landtag übermittelter Referentenentwurf vor, der im April umgesetzt werden soll. Damit stünde der Wolf auf Drängen des Landesjagdverbandes nicht mehr wie bisher unter Schutz.
"Freie Presse": Was befürchten Sie?
Claus Hermann: Ich habe großes Vertrauen in die verantwortungsbewusste Jägerschaft. Erfahrene Forstwirte sagen ja, wo der Wolf lebt, wächst der Wald. Er ist ein wichtiger Teil der biologischen Vielfalt unserer Ökosysteme. Was nicht nur ich befürchte: Einen Teil der bewaffneten Jagdpächter sehe ich nicht in der Lage, den hohen Anforderungen des europäischen Artenschutzgesetzes zu entsprechen. Das belegen viele Aussagen in den Anti-Wolf-Diskussionen. Diese Lobby scheint auch im Kabinett der Staatsregierung ganze Arbeit geleistet zu haben. Das hat den Referentenentwurf ja verabschiedet.
"Freie Presse": Sie wehren sich auch mit einer offenen Petition im Internet ...
Claus Hermann: Und die ist schon von vielen Menschen auch aus dem Vogtland unterschrieben worden. In Plauen, Mylau oder Lengenfeld. Verschickt wird die Petition via E-Mail an und von Freunden und Bekannten. Das sind dann alle auch Multiplikatoren im Sinne der Demokratie. Denn es darf nicht sein, dass eine Jäger-Lobby eine Entscheidung herbeiführt, die den Wolf gefährdet und gegen Internationales-, Europäisches-, Bundes- und Landesrecht verstößt. Aber selbst ein sächsischer Alleingang hält den Wolf nicht auf.
"Freie Presse": Kommt er auch ins Vogtland?
Claus Hermann: Sicher. Aber er wird es auf seiner Westexpansion eher durchstreifen. Erst vorige Woche wurde ein Wolf im Fichtelgebirge gesichtet. Vielleicht ist er durchs Vogtland gezogen. Klarheit könnte sein genetischer Abdruck, zu finden im Kot, geben. Dann wäre klar, ob er aus der Lausitz stammt. Aber wie gesagt, der Wolf meidet die Nähe des Menschen. Durchs Vogtland wäre er bei seinen nächtlichen Touren von bis zu 90 Kilometern in einer Nacht.
Foto-Shooting in Steinwurfnähe. Claus Hermann bei einem seiner Besuche im Wolfspark Werner Freund in Merzig. Fotos zum Beispiel von Timberwölfen füllen in Reichenbach mittlerweile ganze Ordner.
Foto: Wolfspark Merzig
"Freie Presse": Sie nehmen aber auch die Argumente der Wolfsgegner ernst, die um ihr Vieh fürchten?
Claus Hermann: Sicher. Wir haben ja den finanziellen Ausgleich, wenn ein Wolf ein Nutztier gerissen hat. Aber es gibt Gegenmaßnahmen. Etwa Elektrozäune, da geht kein Wolf ran, oder Herdenschutzhunde. Das und mehr steht im sächsischen Wolfsmanagementplan. Auch, dass es keine Angriffe auf Menschen gab. Es sei denn, der Wolf war tollwütig. Da die Tollwut aber bei uns als ausgerottet gilt, entfällt diese Argumentation.
"Freie Presse": Sie bleiben weiter am Ball?
Claus Hermann: Natürlich. Der Wolf ist ein so intelligentes und soziales Wesen, da können wir uns eine Scheibe abschneiden. Wölfe leben lebenslang als Paar. Stirbt die Partnerin, gibt der Rüde oft seine Erfahrungen bei der Pflege anderer Jungtiere weiter. Er wird vom Alphaweibchen vor der Geburt der Welpen ausgewählt und übernimmt deren Pflege und Erziehung, sobald sie entwöhnt sind. Das Alphaweibchen kann sich so wieder auf die Rudel-Führung konzentrieren. Oder es gibt rangniedere Wölfe, die spielen Clown. In angespannten Situationen wie beim Fressen glätten sie mit unterwürfigen Haltungen und Lauten die Wogen.
"Freie Presse": Sie müssen es ja wissen, Sie waren ja selbst schon einer ...
Claus Hermann: Ja. Beim Fasching vergangenes Jahr in Lengenfeld. Im Schützenhaus war ich der liebe Wolf und unsere Enkelin Lucy das Rotkäppchen. Man kann bei Kindern ein unbefangenes Verhältnis zum Wolf erreichen. In der Lausitz passiert das sogar als Bestandteil des Unterrichts. Das sehe ich auch als Anregung für Grundschulen im Vogtland.
Offene Petition
Die von Claus Hermann unterstützte Petition gegen eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht findet sich im Internet unter www.openpetition.de/petition/online/der-wolf-gehoert-nicht-ins-saechljagdg. Zugang zum Thema bieten auch die Internetseiten www.wolfsregion-lausitz.de und www.gzsdw.de.


