Die letzten ihrer Art: Die Zivildienstleistenden Max Unterdörfer, Christian Windisch und Martin Pöhlmann (von links) sind bei der Arbeiterwohlfahrt Auerbach im Bereich "Essen auf Rädern" eingesetzt.
Foto: Silke Keller-Thoss
Ende auf Raten: Der Zivildienst läuft aus
Einrichtungen stehen vor Zäsur
Reichenbach. Reichenbach. Das Ende kommt in Raten: Gab es Zeiten, in denen der Zivildienst als Wehrersatz-Pflichtdienst bis zu 20 Monate dauerte, so waren es zuletzt noch sechs Monate. Seit Oktober 2010 werden Zivildienstleistende nur noch auf eigenen Wunsch einberufen. Auch damit ist am 1. Juli 2011 Schluss. Bei freiwillig längerer Dienstverpflichtung enden die letzten Zivildienstverhältnisse am 31. Dezember 2011. Und dann?
Skepsis und Aufklärungsbedarf
Das Helios Vogtland-Klinikum Plauenzählt mit 18 Zivildienstleistenden aktuell die meisten im Vogtland. Sie sind im Patientenbegleitdienst, im Hol- und Bringedienst, Pflegehilfsdiensten sowie im Bereich Technik/Wirtschaft tätig. "Jedoch übernehmen sie im Klinikum keine Aufgaben von Fachkräften, sodass sich durch ihr künftiges Ausscheiden keine personellen Einschnitte in der Versorgung unserer Patienten ergeben werden", hält Pressesprecherin Annett Lott fest. Was der Bundesfreiwilligendienst bringt, könne erst im zweiten Halbjahr beurteilt werden.
Am Klinikum Obergöltzsch in Rodewisch, das zwölf Zivis vorwiegend im Pflegedienst, in der Zentralsterilisation und bei anderen Hilfstätigkeiten einsetzt, meint Verwaltungsdirektorin Beate Liebold: "Das Aus für den Zivildienst ist ein großes Problem. Wir können versuchen, mehr Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) zu bekommen, müssen aber wahrscheinlich zusätzliches Personal zuführen." Den neuen Bundesfreiwilligendienst sehe sie sehr skeptisch. "In Zeiten, in denen es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt, wird das Interesse an so einem Dienst nicht groß sein."
Das beurteilt Jana Carabello, Personalreferentin der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Auerbach, ähnlich: "Der Zivildienst war eine Pflicht. Es wird schwer, künftig Leute über den Bundesfreiwilligendienst zu finden. Angesichts der geburtenschwachen Jahrgänge ist ja schon die Bewerberzahl für das Freiwillige Soziale Jahr rückläufig." Aktuell sind bei der Awo Auerbach drei Zivis vorwiegend bei "Essen auf Rädern" tätig. Carabello befürchtet, es werde künftig auch an der Sozialkompetenz fehlen, die sich die jungen Männer bislang im Zivildienst aneigneten.
Bei der Lebenshilfe Reichenbach sind vier Zivis in der Werkstatt für Behinderte tätig. "Sie stehen den Behinderten als Begleiter zur Verfügung, vom Transport von Arbeitsmitteln bis zum Toilettengang", erklärt Geschäftsführer Torsten Stolpmann. Den Wegfall des Zivildienstes bedauert er. Der Bundesfreiwilligendienst gebe zwar Hoffnung. Doch noch sei vieles offen.
Aufklärungsbedarf sieht auch Sabine Wunderlich, Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbandes Oelsnitz. Der Bundesfreiwilligendienst sei interessant, da er Jüngeren und Ältere offen stehe. Wichtig zu wissen wäre aber, wie das Entgelt zu versteuern ist und auf welche Sozialleistungen es angerechnet wird. Das DRK Oelsnitz hat fünf Zivis im betreuenden Mahlzeitendienst. Notfalls müsse man künftig mit Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigten arbeiten. Im Institut für Transfusionsmedizin Plauen des DRK-Blutspendedienstes Ost ist man laut Referent Michael Pflug schon dabei, Teilzeitkräfte für die Zeit nach dem Ende des Zivildienstes einzustellen. "Zurzeit haben wir noch neun Zivis. Die letzten kamen im März. Sie assistieren den Schwestern, bekleben die Blutbeutel und Röhrchen, erledigen Auf- und Abbau."
Helios Plauen, das Klinikum Obergöltzsch, die Arbeiterwohlfahrt Auerbach und weitere Einrichtungen etwa in Adorf, Schöneck, Markneukirchen oder Treuen arbeiten übrigens bei der Besetzung von Freiwilligenstellen eng mit der Glauchauer Berufsförderung und dem Verein "Gemeinsam Ziele erreichen" Zwickau zusammen.
Impuls für Nachwuchs fehlt
Der Wegfall des Zivildienstes wirkt sich auf negativ auf den Berufsnachwuchs aus. Etwa zwölf Prozent aller Zivis, sagen die Wohlfahrtsverbände hätten sich nach Ende des Dienstes entschieden, weiter im sozialen Bereich zu arbeiten. Eine Erfahrung, die sich im Vogtland bestätigt. Am Helios Vogtland-Klinikum entscheide sich im Schnitt ein Zivi pro Jahr für eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. In Obergöltzsch sind es in diesem Jahr zwei. Auch der DRK-Blutspendedienst konstatierte in Vergangenheit Einstellungen nach dem Zivildienst. Das Problem für die Zukunft ist klar: Wer nicht reinschnuppert, der kommt nicht auf den Geschmack.



08:59 Uhr
MarcP: Ich finde es schon immer erstaunlich, daß generell ein Anspruch auf nahezu kostenlos zur Verfügung stehendes Personal seitens der Arbeitgeber gestellt wird. Ich denke vielmehr sollte zukünftig von einem Wettbewerb um gute Arbeitskräfte ausgegangen werden. Dieses betrifft nicht nur die Leistenden im Zivildienst, sondern auch vielmehr alle realen Arbeitsverhältnisse und Ausbildungsverhältnisse. Die Zeiten von regional zwangsweise gebundenen und zu jedem Preis arbeitssuchenden Menschen ist nahezu vorbei. So wird mal bald sehen, daß ein Unternehmen aus der Region sich gegen ein anderes Unternehmen wie aus München um hochklassige Mitarbeiter durchsetzen muß und sogar Standortnachteile ausgleichen muß.