Hubertus Knabe in Reichenbach: Besuchen Sie Berlin-Hohenschönhausen, dann ist alles klar.
Foto: F. Martin
Knabe sorgt für ein volles Haus
"Die Täter sind unter uns" beim Literarischen Freitag
Reichenbach. Dass einer bei einer Lesung nicht liest, sondern lieber wort- und gestenreich erklärt, daran hat man sich gewöhnt. Hubertus Knabe, der Gast am Freitagabend in der Vogtländischen Buchhandlung Reichenbach, brach noch mit einer anderen Tradition. Er saß nicht an einem Tisch, sondern stand am Rednerpult im vollen Haus. Dort sprach der 1959 im westfälischen Unna geborene Historiker, der seit 2001 die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen leitet, vor knapp 50 Zuhörern anderthalb Stunden über sein jüngstes Buch "Die Täter sind unter uns".
Anlass für die Entstehung des Buches war eine Bürgerversammlung in Berlin, auf der einstige Amtsträger in der DDR geschehene Verbrechen unverblümt rechtfertigten oder verharmlosten. Daraufhin beschäftigte sich Knabe mit den Ergebnissen der juristischen Verfolgung von DDR-Unrecht, mit der Arbeit der unterschiedlichen Interessenvertretungen der Altkader sowie mit der Behandlung von Opfern der Stasi-Willkür. Die ernüchternde Bilanz seines Buches, wonach weder eine konsequente Aufarbeitung der Geschehnisse noch eine angemessene Bestrafung der Täter politisch gewollt waren, bekräftigte der Historiker mit vielen Beispielen.
So sei nicht einer der Vernehmer des Stasi-Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen je zur Rechenschaft gezogen worden. Insgesamt mussten nur zwei Stasi-Offiziere ins Gefängnis. Der eine hatte betrunken vor seiner Dienststelle Passanten erschossen, was vor 1989 nicht geahndet worden war. Nummer zwei hatte den Sprengstoff für einen Dutzende Menschenleben kostenden Anschlag in Westberlin "besorgt".
"Wenn Sie schon als Mann vom Fach zu solchen traurigen Einschätzungen kommen, woher sollen wir denn dann die Hoffnung für eine vernünftige Entwicklung in unserem Land nehmen?" Das fragte in der anschließenden regen Diskussion der Reichenbacher Arzt Ulrich Lehmann. Knabe entgegnete, dass auch die Beschäftigung mit den Naziverbrechen ihre Zeit gebraucht habe. "So gesehen befinden wir uns jetzt im Jahr 1963. Bis dahin war seinerzeit auch nicht allzu viel gelaufen." Der Gast vertraut ferner auf die Kraft der zweifelsfrei zu Tage gekommenen Fakten. "Ich brauche einen Schüler von heute nur in eine Zelle in Hohenschönhausen zu führen. Da ist alles klar."
Der Historiker, der mit dem aus Reichenbach stammenden Bürgerrechtler Jürgen Fuchs befreundet gewesen war, äußerte sich auch zu den Ereignissen um die in Reichenbach gezeigte Ausstellung "Christliches Handeln in der DDR". Es sei ein ungeheuerlicher Vorgang, sagte er, dass bestimmte Leute jetzt auf den Schutz der Persönlichkeit pochten, die sich seinerzeit keinen Deut um Persönlichkeitsrechte geschert hätten.


