Thomas Höllrich, neuer Vorsitzender der Linken im Vogtland, in seiner Reichenbacher Kanzlei.
Foto: Franko Martin
Neuer Linken-Chef flirtet mit der CDU
Thomas Höllrich über innerparteiliche Grabenkämpfe, Ambitionen in Richtung Bürgerrechtspartei und eine Razzia in seinen Kanzleiräumen
Rechtsanwalt Thomas Höllrich aus Reichenbach ist am 3. Dezember überraschend zum Kreisvorsitzender der Linken im Vogtland gewählt worden. Ulrich Riedel befragte den 46-Jährigen.
Freie Presse: Linke wollen bessere Menschen sein. Im Kreisverband Vogtland dominierten Streit und Intrigen. Wie passt das zusammen?
Thomas Höllrich: Sozialer und gerechter heißt nicht, dass sich alle lieben. Respektvoller Umgang ist aber erforderlich, damit unsere politische Arbeit im Fokus der Öffentlichkeit steht.
Freie Presse: Sie sind durch einen Putsch gegen die frühere Kreisvorsitzende Michaele Wohlrab mit knapper Mehrheit gewählt geworden.
Thomas Höllrich: Wenn Sie eine Wahl mit mehreren Kandidaten einen Putsch nennen wollen?! Ich nenne es Demokratie, und es gab vorher Gespräche, in denen ich gebeten wurde zu kandidieren - auch das ist nicht nur bei der Linken üblich.
Freie Presse: Die unterlegene Seite zog sich zurück. Damit ist die Vogtland-Linke in zwei Lager gespalten?
Thomas Höllrich: Nein, das ist sie nach meiner Wahrnehmung nicht. Ich bin angetreten, um Gräben zuzuschütten und das Gespräch mit allen zu suchen. Die Linke braucht all ihre Mitstreiter. Ich beziehe alle ein, denn die von uns offen zu legenden politischen Ungerechtigkeiten der Regierenden brauchen unsere ganze Kraft.
Freie Presse: Meinen Sie, dass Wohlrab und Ex-Geschäftsführerin Janina Pfau mit dem neuen Geschäftsführer Olaf Schmalfuß und dem ausgebooteten Haudegen Wolfgang Hinz harmonieren?
Thomas Höllrich: Auch wenn Sie es noch so oft probieren, ich werde keine persönlichen Wertungen von Genossinnen und Genossen vornehmen. Erfahrene Wahlkämpfer wie Wolfgang Hinz und junge Leute wie Janina Pfau sollen ihre Stärken einbringen.
Freie Presse: Wie wollen Sie aus dem derzeitigen Loch herauskommen?
Thomas Höllrich: Wir werden aufzeigen und nachhaken bei den Themen, die in den Medien nur kurz behandelt werden. Dazu dient auch eine Klausur des Kreisvorstandes, auf der wir unsere politischen Ziele festlegen und Initiativen lostreten werden.
Freie Presse: Wo sehen Sie die Stärken der Vogtland-Linken?
Thomas Höllrich: Bei sozialen Schwerpunkten sind wir sehr stark und präsent. Da haben wir mit den Kreisrätinnen Dorothea Wolff und Waltraud Klarner auch Genossinnen, deren Kenntnisse und Wissen man nicht einfach mit antilinken Parolen wegwischen kann. Bei den Themen Müll, Bürgerbeteiligung oder der Unterstützung von Bürgerinitiativen wie der Bitex in Reichenbach werden wir als sachkundige und kämpferische Kraft wahrgenommen, auch über den Einsatz unserer Landtagsabgeordneten Andrea Roth. Im Bereich Mindestlöhne, Frieden und dem antifaschistischen Kampf sowieso.
Freie Presse: Und Schwächen?
Thomas Höllrich: Wir sollten uns stärker als Bürgerrechtspartei etablieren. Verbraucher- und Bürgerrechte sind in Sachsen große Themen. Dass es hier eine Schieflage gibt, hat das Vorgehen der Staatsregierung in Dresden gezeigt: Anti-Nazi-Demonstranten wurden bespitzelt und verfolgt, Rechtsterroristen blieben viele Jahre ungestört - oder der Verfassungsschutz wusste noch nicht einmal etwas von deren Existenz.
Freie Presse: Antje Hermenau von den Grünen hat für Sachsen den Begriff einer Halbdemokratie geprägt.
Thomas Höllrich: Ich nenne es "Weimar 2.0" und halte es mit dem im "Spiegel" zitierten Berliner Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann, der - noch von Durchsuchungen sächsischer Staatsanwälte unbehelligt - sagen darf, dass der Freistaat Sachsen, das "rechtskonservativste und unfreieste Bundesland der Republik" sei. Ursache dafür ist die quasi 20 Jahre dauernde Einparteien-Macht der CDU und der damit einhergehenden Verfilzung. Auch im Vogtland ist das so, aber je näher man an Dresden rankommt, desto schlimmer.
Freie Presse: Was will die Linke tun?
Thomas Höllrich: Nichts währt ewig, wie uns das Beispiel Baden-Württemberg zeigt. Wir müssen mit den Bürgern Widerstand leisten und wollen ein Umdenken in den bürgerlichen Parteien erreichen. Auch wenn derzeit viele ältere CDU-Leute Zusammenarbeit mit Linken rigoros ablehnen, so die vogtländischen Landtagsabgeordneten Kienzle, Petzold, Heidan und Heinz bei der Initiative unserer Abgeordneten Andrea Roth zur Rettung des Hochschulstandortes Reichenbach. Diesen falschen Politikansatz können wir uns im Vogtland, weit weg von Dresden, nicht leisten. Bei Jüngeren in der CDU und anderen Parteien habe ich den Eindruck, sie sind für Kooperationen offener.
Freie Presse: Das klingt stark nach der "Koalition der Vernunft" von CDU-Landrat Tassilo Lenk, der die Linke im Kreistag damit weitgehend eingelullt hat?
Thomas Höllrich: Wir Kreisräte sind alle ehrenamtlich tätig und sollten die Sacharbeit in den Vordergrund stellen. Das Vogtland kann sich Parteihickhack nicht leisten, damit gehen wir gemeinsam unter. Zugleich müssen wir als Linke unser Profil schärfen, um die "führende Partei" bei Wahlen auch mal ablösen zu können, wie gesagt nichts währt ewig.
Freie Presse: Sie sind in den eigenen Reihen umstritten. Wie kann man zugleich Kreisvorsitzender der Linken und Vorstandsmitglied im Evangelischen Schulverein sein?
Thomas Höllrich: Das geht sehr gut. Humanistische Bildungsinhalte und Werte sowie moderne pädagogische Konzepte, wie das gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten, von Mittelschülern und Gymnasiasten oder angstfreies Lernen, sind Inhalte, für die ich als Linker und auch als Mitglied des ESV stehe.
Freie Presse: Und warum vertreten Sie als Rechtsanwalt besonders schillernde Figuren: einen bundesweit in die Schlagzeilen geratenen Stasispitzel, den so genannten Reichenbacher Drückerkönig und einen Geschäftsmann, der offensiv gegen jene vorging, die ihm eine Nähe zur Scientology-Sekte nachgesagt haben?
Thomas Höllrich: Zu Mandanten darf und werde ich mich nicht äußern. Grundsätzlich gilt: Der Rechtsstaat wäre am Ende, wenn sich öffentlich unbeliebte Leute keinen Anwalt ihrer Wahl nehmen könnten oder gar keinen Anwalt finden würden, weil dieser Angst vor der "Öffentlichkeit" hat.
Freie Presse: Einer der genannten Fälle hat Ihnen eine von der Generalstaatsanwaltschaft veranlasste Razzia eingebracht. War es das wert?
Thomas Höllrich: Auch dieser Einsatz zeigt, dass der genannte Prof. Wippermann recht hat, wenn er sagt: "In Sachsen geschehen Dinge, die könnte sich George Orwell nicht einmal vorstellen." Es ist an der Zeit, dass die vielen redlichen und korrekten Mitarbeiter, Richter und Staatsanwälte, die immer noch die Mehrheit in der sächsischen Justiz stellen, diesem Treiben von karrieregetriebenen Kollegen ein Ende setzen. Es braucht - und da bin ich mir sicher - eine selbstverwaltete Justiz, in der nicht die politisch bestimmte Verwaltung über Karrieren zumindest maßgeblich mitbestimmt.


