Ex-Häftling Im Martin-Luther-King-Zentrum Werdau erinnerte Gerhard Schneider (Mitte) am Dienstagabend noch einmal an den Oberschülerprozess. Ergänzt wurde der Vortrag durch eine kleine Ausstellung, in der unter anderem Kopien der Flugblätter und Anklageschriften zu sehen waren.

Foto: Thomas Michel

DDR-Häftling vergisst nicht

Oberschülerprozess jährt sich zum 60. Mal - 19 Jugendliche zu insgesamt 130 Jahren Zuchthaus verurteilt

Werdau. Dienstagabend im Martin-Luther-King-Zentrum: Der Raum ist gut gefüllt. Gerhard Schneider nimmt im Präsidium Platz. Der 79-Jährige ringt nach Fassung und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Nach einer Pause beginnt er leise zu erzählen. Der Senior lässt noch einmal 60 Jahre seines Lebens Revue passieren und erinnert dabei zugleich an ein finsteres Kapitel der Werdauer Geschichte.

Es war an einem sonnigen Nachmittag im Spätsommer 1950. Gerhard Schneider, 19 Jahre alt, stattete nach der Arbeit seinemdreiJahre jüngeren Kumpel Karl-Heinz Eckardt einen Besuch ab, um sich bei ihm eines der Karl-May-Bücher auszuleihen. Die beiden Jugendlichen kannten sich aus der gemeinsamen Schulzeit und waren Freunde. An jenem Nachmittag diskutierten die beiden nicht über Winnetou und Old Shatterhand, sondern die für den 15. Oktober angekündigten, anstehenden Wahlen zur Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik. Damit verknüpften die beiden Jugendlichen, die in ihrer Kindheit die totalitäre Diktatur der Nationalsozialisten kennengelernt hatten, große Hoffnungen. Sie glaubten an mehr Gerechtigkeit. Doch ihre Träume platzten wie Seifenblasen.

"Die Genossen der SED, die in der DDR das Sagen hatten, versprachen vor den Wahlen Demokratie. Doch es gab keine Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Parteien zu entscheiden. Zur Wahl stand lediglich eine Einheitsliste mit den Kandidaten der Nationalen Front", sagt Gerhard Schneider. Die Parole der SED hieß: Stimmen Sie mit Ja, stimmen Sie für den Frieden. So einfach wollten sie es den Genossen nicht machen. Die beiden Jugendlichen fassten den Entschluss, gegen das Vorgehen der SED etwas zu unternehmen.

Wenige Tage später schlich sich Gerhard Schneider nach dem Abendbrot aus dem Haus und traf sich mit weiteren Jugendlichen, die meisten von ihnen Oberschüler, in der Gartenlaube der Eltern von Sigrid Roth. Im Schein von Taschenlampen begann die Gruppe, Flugblätter zu produzieren. Das Papier, rund 100 Blatt im A-5-Format, hatten sie von ihrem Taschengeld gekauft. Die Schrift auf den Flug- blättern wurde mit Buchstaben aus einem Stempelkasten aufgedruckt. Der Wortlaut des ersten Flugblattes lautete: "Freiheit! Feindschaft dem Terror!" Nachdem das Werk vollendet war, teilten sich die Jugendlichen in Gruppen von jeweils zwei Mann auf und begannen zu später Stunde, ihre Flugblätter zu verteilen. "Ein bisschen mulmig war uns schon dabei, doch wir waren von unserer Sache überzeugt", sagt Gerhard Schneider.

Den Jugendlichen reichte die Flugblattaktion nicht aus. "Uns war jedes friedliche Mittel recht, um an unser Ziel zu gelangen", erinnert sich der 79-Jährige. Die Oberschüler wählten aus ihren Reihen mehrere Personen aus und schickten diese zum Rias (Rundfunk im amerikanischen Sektor) nach Westberlin, um im Radio ihren Protest öffentlich zu machen. Ihr Begehren wurde abgelehnt. "Ein Redakteur schickte uns zu der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. Dort erhielten wir Unterstützung und bekamen eine Malerwalze zur Verfügung gestellt. Mit dieser ließen sich die Flugblätter effektiver herstellen."

Die Zahl der Mitstreiter in der Gruppe war inzwischen auf 19 Jugendliche angewachsen. Mehrmals trafen sie sich, um ihre Aktion in Werdau fortzusetzen. Ihre Wut gegen das Regime wuchs, als sie von der Verhaftung von Hermann Joseph Flade erfuhren. Der Einzelkämpfer aus Olbernhau hatte ebenso wie sie gegen die fingierte Wahl rebelliert und wurde im Januar 1951 zum Tode verurteilt. "Die SED wollte ein Exempel statuieren und hat einen Schauprozess initiiert. Das hat uns noch mehr angestachelt", sagt der Werdauer. Der gewünschte Erfolg der Protestaktion der Oberschüler blieb aus. Die von der SED dominierte Einheitsliste der Nationalen Front erhielt bei den Wahlen am 15. Oktober 99,7 Prozent. Die Jugendlichen ließ das kalt. Sie setzten ihre Protestaktion fort. "Wir haben Stinkbomben gebastelt und damit die Versammlungen der Genossen gestört. Denen waren wir ein Dorn im Auge, ohne dass sie uns was anhaben konnten", sagt Schneider. Was die Jugendlichen nicht ahnten: Die Ermittlungen liefen bereits auf Hochtouren.

 
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erschienen am 05.10.2011 ( Von Uwe Mühlhausen )
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