Vorsicht im Kindergarten "Altstädter Kinderland": Tim Chemnitzer, Elisa Tippmann, Timmy Hopp und Alexis Marie Hoppe (von links) waschen ihr Obst nur mit abgekochtem Wasser. 
Vorsicht im Kindergarten "Altstädter Kinderland": Tim Chemnitzer, Elisa Tippmann, Timmy Hopp und Alexis Marie Hoppe (von links) waschen ihr Obst nur mit abgekochtem Wasser.

Foto: Andreas Kretschel

Coli-Keime: Betroffene lassen Vorsicht walten

Verunreinigung des Trinkwassers hat am Dienstag den Alltag in Kindergärten, Schulen und Altenheimen verändert

Meerane/Waldenburg. Mindestens noch am Mittwoch müssen 22.000 Einwohner in Meerane, Waldenburg, Oberwiera, Remse und Schönberg ihr Trinkwasser abkochen, obwohl die Gefahr in großen Teilen als gering eingeschätzt wird. Dennoch sind die Betroffenen vorsichtig beim Umgang mit dem Leitungswasser.

"Wir verwenden für unsere Teezubereitung schon immer abgekochtes Wasser", sagt Carmen Werler. Sie ist Leiterin des "Altstädter Kinderlandes" in Waldenburg. Allerdings werden in der Kindertagesstätte mittags keine Zähne mehr geputzt. "Wir haben die Zahnbürsten und Becher weggeräumt, um zu verhindern, dass die Kinder doch das Wasser trinken", sagt sie. Auch Mineralwasser werde - im Gegensatz zu Oberwiera - nicht verwendet, weil dies zu kalt sei. Die mehr als 80 Jungen und Mädchen können im Altstädter Kinderland ständig trinken. Neben den 25 bis 30 Litern Tee, die jeden Tag gekocht werden, stehen auch Mineralwasser und Apfelschorle zur Verfügung. Mit den Kindern sei darüber gesprochen worden, dass sie das Leitungswasser nicht trinken dürfen.


Konzentrierte Arbeiten im Wasserwerk Kertzsch: Mitarbeiter Ulrich Schmidt erhöht auf Anordnung den Chlorgehalt im Wasser und überprüft ihn mit dem Schnelltest.
Konzentrierte Arbeiten im Wasserwerk Kertzsch: Mitarbeiter Ulrich Schmidt erhöht auf Anordnung den Chlorgehalt im Wasser und überprüft ihn mit dem Schnelltest.

Foto: Andreas Kretschel

Das haben die Lehrer in der Remser Grundschule am Dienstagfrüh in der ersten Stunde auch gemacht. "Die Klassenleiter haben die Kinder aktenkundig belehrt", sagt Schulleiterin Silvia Prinz. Die etwa 100 Jungen und Mädchen dürfen auf der Toilette kein Wasser trinken. Allerdings könne sie keine zwei Lehrer abstellen, die in den Pausen das Verhalten der Kinder in den Toiletten kontrollieren. "Wir setzen auf die Vernunft der Kinder", sagt Silvia Prinz.

Doch nicht nur die Kleinen gehören zur Risikogruppe, die an Durchfall erkranken kann, wenn das verunreinigte Wasser getrunken wird. Auch Senioren sind betroffen. Für die Mitarbeiter im Waldenburger Altenpflegeheim bedeutet dies Mehraufwand. Alltagsbegleiterin Katrin Penzel sagt, dass täglich mehr als 100 Liter Wasser abgekocht werden müssen. Dies werde nicht nur für die Zubereitung von Speisen und Getränken und das Waschen von Obst gebraucht, sondern auch für die Mundhygiene. "Wir setzen das Abkochgebot des Trinkwasserverbandes um", sagt sie.


Mehraufwand im Altenpflegeheim Waldenburg: Gabi Klaus kocht am Herd das Wasser ab.
Mehraufwand im Altenpflegeheim Waldenburg: Gabi Klaus kocht am Herd das Wasser ab.

Foto: A. Kretschel

Auf Mineralwasser zum Kaffeekochen kann Jens Noske, Inhaber des gleichnamigen Eiscafés am Meeraner Teichplatz, verzichten. "Wir kochen das Wasser vorher ab, so gibt es keine Probleme", sagt er. Von Vorteil sei, dass die große Kaffeemaschine nicht direkt an der Trinkwasserleitung angeschlossen ist. Denn das würde zu Schwierigkeiten führen.

"Man sollte nicht in Panik verfallen", sagt die Schönbergerin Ute Höfler. Sie und ihr Mann haben am Dienstag über die Aufforderung des Trinkwasserverbandes gesprochen und gehen davon aus, dass das Abkochgebot eine reine Vorsichtmaßnahme ist. "Vielleicht ist das Wasser schon länger verunreinigt, wer weiß das schon", sagt sie. Ute Höfler ist Mitglied im Tschernobyl-Hilfeverein. Zweimal im Jahr fährt sie Hilfstransporte nach Weißrussland. "Wenn man die dortigen Lebensverhältnisse sieht, ist das kein Vergleich zu uns hier."

Hans-Dieter Ilge. Hans-Dieter Ilge.

Foto: Wiegand Sturm/Archiv

Kaputter Behälter-Deckel als Ursache vermutet

Trinkwasser, das keins mehr ist. Mit dem technischen Geschäftsführer des Regionalen Zweckverbandes, Hans-Dieter Ilge (64) sprach Stefan Stolp.

Freie Presse: Mit dem Abkochgebot haben Sie in das Leben von etwa 22.000 Leuten eingegriffen. Was lässt sich aktuell über die Ursache der Verunreinigung mit Coli-Bakterien sagen?
 

Hans-Dieter Ilge: Die Ursache kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit nennen: Der Deckel des Trinkwasserhochbehälters in Dürrenuhlsdorf hat einen Riss bekommen. Dadurch gelangten die Bakterien in das Trinkwasser. Die vielen Regenfälle der vergangenen Tage taten ein Übriges und haben möglicherweise Keime, die zum Beispiel von toten Tieren herrühren können, angespült.

Freie Presse: Werden die Behälter nicht kontrolliert?

Hans-Dieter Ilge: Wir kontrollieren regelmäßig und reinigen sie zweimal im Jahr. Aber im konkreten Fall ist es eine Verschleißerscheinung. Das kommt hin und wieder vor.

Freie Presse: Wie schätzen Sie die aktuelle Gefahrensituation für die Betroffenen ein?

Hans-Dieter Ilge: In den Bereichen Dürrenuhlsdorf, Franken und Schlagwitz sind die Grenzwerte noch überschritten. Dort sollte weiterhin Vorsicht geboten sein.
 

Freie Presse: Und die anderen Gebiete?

Hans-Dieter Ilge: Es deutet sich an, dass die übrigen Territorien von Waldenburg, Remse, Oberwiera, Schönberg und die Stadt Meerane gar nicht betroffen sind. Heute, wenn die Ergebnisse der standardisierten biologischen Untersuchungen vorliegen, will das Gesundheitsamt des Landkreises entscheiden, ob dort das Abkochgebot wieder aufgehoben werden kann. Ich gehe nach jetzigem Stand der Dinge davon aus. Wir müssen aber auf das behördliche Okay warten.

Freie Presse: Seit Montag verkauft der Zweckverband Trinkwasser, das keins ist, weil es vor dem Verzehr abgekocht werden soll. Die Betroffenen haben dadurch höhere Aufwendungen, zum Beispiel an Energie. Können die Kunden ihre Mehrkosten beim Zweckverband geltend machen?

Hans-Dieter Ilge: Die Aufwendungen, die im Rahmen von Qualitätseinbrüchen entstehen, können nicht gesondert vergütet werden.

 
erschienen am 17.07.2012 ( Von Stefan Stolp )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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