Martina Nitsche, Hildegard Fraaß, Elke Rudert, Ingrid Werner, Gaby Jacob, Renate Valentin und Petra Lorenz Unternehmerfrauen im Handwerk (von links): Martina Nitsche, Hildegard Fraaß, Elke Rudert, Ingrid Werner, Gaby Jacob, Renate Valentin und Petra Lorenz.

Foto: Uwe Meyer

Sie führen mit Diplomatie und Kompetenz

Mehr Frauen in Chefetagen öffentlicher und privater Unternehmen gefordert

Glauchau. 1978 machte sich die Damenmaßschneiderin selbstständig und ist es bis heute geblieben. Die 68-Jährige weiß, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, Krisen wegzustecken, bei Höhen nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Seit 20 Jahren steht sie an der Spitze des Arbeitskreises Glauchau des Verbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk. Regelmäßig scharrt sie seither immer rund 40 Frauen um sich. Der Verband bietet Hilfe durch Informationen, die einzelnen Mitglieder Schultern. "Wenn mal alles zusammenzubrechen scheint, braucht man die zum Anlehnen", sagt Petra Lorenz aus Meerane.

Die Schneidermeisterin, die noch im Taxigeschäft ihres Mannes mithilft, behauptete sich gegen die Kataloge-Flut nach der Wende, organisiert heute Modenschauen, mischt bei Ereignissen der Graffitiszene mit. "Ich habe zu DDR-Zeiten so um meine Selbstständigkeit kämpfen müssen, das gibt man nicht einfach so preis", sagt die Mutter von zwei Söhnen, vierfache Großmutter und Urgroßmutter einer Urenkelin. Ob jung oder alt, Frau oder Mann: "Man muss ein Gespür für alle entwickeln. Charme und Diplomatie, aber auch Mut zum Risiko sind gute Begleiter." Mit zu viel Wankelmut verbaue man sich Wege, sagt Petra Lorenz.

Mut statt Wankelmut bewies Renate Valentin, die Leiterin der Pension "Am Silberberg" in Oberwiera. Seit dem Tod ihres Lebensgefährten ist sie dort Einzelkämpferin. Die gelernte Großhandelskauffrau war der Liebe halber 1999 von Gießen (Hessen) nach Oberwiera gezogen, managte den Gasthof, baute mit ihrem Lebensgefährten einen Vier-Seit-Hof zur Pension aus. Sie kündigte ihr Angestelltenverhältnis und ging das Wagnis ein. 2007, als ihr Lebensgefährte schwer erkrankte und sie sich vom Gasthof trennten, stand für sie die Selbstständigkeit nie auf dem Prüfstand. Freundlichkeit ist ihre beste Waffe. Das hilft der zweifachen Mutter bei Kunden wie Geschäftspartnern. "Und das bekomme ich auch zurück. Junge, Alte, Frauen, Männer, da sind alle gleich."

Einen ähnlichen Schicksalsschlag musste Elke Rudert, Chefin der Modehäuser Rudert in Gößnitz und Meerane (das dritte in Bernsdorf führt jetzt ihr 33-jähriger Sohn) verkraften. Die heute 58-Jährige wurde nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 2006 ins kalte Wasser geschubst. "Was 15 Jahre lang aufgebaut wurde, lässt man nicht über Nacht untergehen", sagt die Meeranerin, die zunächst Angestellte war. Die gelernte Stenotypistin machte einen Lehrgang nach dem anderen, um ihre Wissenslücken zu schließen. "Es gab Momente, wo ich einmal die Woche alles hinschmeißen wollte", sagt sie lachend. Doch mit jeder bewältigten Krise gewann sie mehr Kraft. "Mein Lohn sind zufriedene Kunden. Denn jeder Einkauf ist ein Lotteriespiel."

Ingrid Werner war Krippenerzieherin, als ihr der Mann ihres Lebens über den Weg lief. 1967 übernahm er die Firma des Vaters. Ingrid Werner stieg mit ein in die Bauschlosserei Werner, heute eine GmbH. Sie wuchs mit den Aufgaben, lernte autodidaktisch alles über das Rechnungswesen. Mittlerweile führt der Sohn die Geschäfte. Die Mutter hilft gelegentlich, schreibt Rechnungen, macht sauber, "was gerade anfällt", sagt sie. Auch die Tochter arbeitet mit in der Firma. Die Kinder haben beizeiten erfahren, dass die Zukunft der Familie an der Firma hängt. "Die Schule war gleich gegenüber, und wir haben damals noch in der Firma gewohnt", erinnert sich Ingrid Werner und versichert, dass Familie und Beruf zu vereinbaren sind. Höhen und Tiefen habe sie vor und nach der Wende erleben müssen. Nie aber stand die Familie vor der Frage, ob es besser wäre, aufzugeben. "Da hängt zu viel dran." Nicht nur ihre Familie, auch die der 18 Mitarbeiter.

Martina Nitsche, 53, führt seit 1991 das Planungsbüro Design-Projekt und gemeinsam mit ihrem Mann die Tischlerei Nitsche in Meerane. Das Design-Projekt plant Inneneinrichtungen, erklärt die Diplom-Designerin. Schon zuvor war die Meeranerin selbstständig gewesen. "Das ist auch eine schöne Sache", versichert sie. Anfangs arbeitete sie viel vormittags, während die beiden Kinder betreut wurden. "Die Nachmittage habe ich versucht, mir freizuhalten. Wenn die beiden im Bett waren, ging es weiter." Ihrer Meinung nach schließen Karrierewünsche Kinder keineswegs aus. "Familie und Beruf sind vereinbar", versichert Martina Nitsche. Sie hat gelernt, dass Freundlichkeit und Kompetenz generell und auch im Geschäftsleben weiterhelfen, bei Frauen wie bei Männern.

Die gelernte Verkäuferin Hildegard Fraaß stieg 1967 ins Geschäft ihres Mannes ein, das dessen Vater 1949 als Reparaturwerkstatt für Rundfunktechnik gegründet hatte. "Erst war ich mithelfende Ehefrau, dann Angestellte." Sie erledigte die Buchhaltung, war Service- und Reinigungskraft. "Die Frauen der Handwerker sind ja Mädchen für alles", sagt die 65-Jährige lachend. Es gelang ihr, die Söhne (heute 44 und 36 Jahre) groß zu ziehen und trotzdem ein wenig Zeit für sich zu finden. Das sei wichtig, versichert die Glauchauerin. Die Treffen mit den Unternehmerfrauen gaben ihr viel, das waren Erfahrungsaustausch, Schulung und Geselligkeit. Auch wenn sie wegen der Ersatzteilbeschaffung in der DDR harte Zeiten durchleben musste, hätte keiner ans Aufgeben gedacht. Ihr Mann hatte in der Firma gelernt und zielgerichtet seinen Meister gemacht. 2003 übernahm einer ihrer Söhne die mit der Wende neu aufgestellte Firma. Hildegard Fraaß hilft heute noch aus. Ihr Erfolgsrezept über all die Jahre ist die Diplomatie. "Oft ist es besser, erst einmal zu überlegen, bevor man etwas hochspielt."

Gaby Jacob findet jetzt wieder Zeit, ihrem ersten Beruf nachzugehen. Die gelernte Hebamme arbeitet zweimal die Woche in einer Arztpraxis. Als ihr Mann Uwe Jacob im März 1991 die Gerüstbaufirma in Niederschindmaas gründete, sattelte sie um. "Es war sofort Arbeit da und ihm fehlte jemand. Da wir Haus und Hof als Sicherheiten angegeben hatten, war für uns klar: Das geben wir nicht aus der Hand", erklärt die 48-Jährige, warum sie nie gezögert hatte. Gaby Jacob machte ihren Betriebswirt des Handwerks, schrieb Abrechnungen, kümmerte sich ums Marketing, erledigte Bankgeschäfte und die Lohnbuchhaltung der 12-Mann-Firma. "Unsere beiden Kinder mussten viel zurückstecken, Sommerurlaub gab es keinen." Und auch sie selbst musste lernen, dass der Tag nur 24 Stunden hat "Bei uns ist immer Firma", sagt sie lachend. Im Geschäftsleben, so ihre Erfahrungen heute, kommt man mit Höflichkeit, Schnelligkeit und Verbindlichkeit am weitesten.

Birgit Türschmann, seit mittlerweile 11 Jahren Chefin der Glauchauer Volksbank, die seit 5 Jahren Mitglied der Unternehmerfrauen ist, schätzt diese Frauen sehr. "Die Frauen auf den Chefsesseln und daneben sind Mädchen für alles. Sie übernehmen die Personalauswahl, erledigen meistenteils alle Bankgeschäfte und die wichtige Zusammenarbeit mit den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Sie überwachen Außenstände und treiben Forderungen ein." Wie ihnen all das gelingt, dafür hat Birgit Türschmann ihre ganz eigene Erklärung: "Frauen hören gut zu, sind weniger voreingenommen, agieren vorsichtiger und setzen Geld nicht mit Macht oder Kontrolle gleich."

 
erschienen am 30.01.2012 ( Von Uta Pasler )
 
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