Ungewisses wagen oder Altbewährtes erhalten?
Foto: Andreas Kretschel
Bürger entscheiden über gemeinsame Stadt am Sachsenring
Oberlungwitz hat die Wahl: Eine große Stadt mit Hohenstein-Ernstthal oder die Selbstständigkeit?
Oberlungwitz. Beim Bewährten bleiben oder Veränderung wagen - im westsächsischen Oberlungwitz treffen momentan zwei Fronten aufeinander. Die eine will mit der Nachbarstadt Hohenstein-Ernstthal fusionieren und damit einer Eingemeindung nach Chemnitz zuvorkommen, die andere will ihre Selbstständigkeit bewahren. Die Einwohner von Oberlungwitz sollen sich am Sonntag in einem Bürgerentscheid für eine Seite entscheiden.
Die Diskussion wird emotional geführt. Die Fusions-Befürworter beobachten die Ausdehnung von Chemnitz kritisch. "Wir wollen diese Entwicklung auf Dauer stoppen", sagt Albrecht Mugler, Unternehmer und Sprecher der Bürgerinitiative "Für eine gemeinsame Stadt". "Was sagen wir bei einer Eingemeindung nach Chemnitz unseren Enkeln, wenn sie fragen, warum wir nichts getan haben?" Die Gegenseite, das "Bündnis Oberlungwitz", glaubt nicht an eine Eingemeindung der 6300-Einwohner-Stadt. Sprecher Klaus Müller, der für die Unabhängige Liste im Stadtrat sitzt: "Wir wollen nicht wegen einer Vermutung vorangehen und unsere Selbstständigkeit aufgeben. Passiert dann doch nichts, können wir nicht zurück."
Der Stadtrat des 15.600 Einwohner zählenden Hohenstein-Ernstthal hat sein Einverständnis bereits erteilt, doch die Oberlungwitzer Räte stellten sich gegen Verhandlungen - sehr zum Ärger einiger Oberlungwitzer. Diese nahmen die Sache selbst in die Hand, stellten eine Bürgerinitiative auf die Beine und organisierten den Bürgerentscheid. Am Sonntag steht die Frage "Sind Sie dafür, dass sich die Städte Oberlungwitz und Hohenstein-Ernstthal zur großen Kreisstadt Sachsenring zusammenschließen?" zur Abstimmung. Fällt das Ergebnis positiv aus, erhält der Stadtrat den Auftrag, ernsthaft mit Hohenstein-Ernstthal zu verhandeln. Ob der Name der Stadt dann tatsächlich so lauten wird, kann erst am Ende der Verhandlungen entschieden werden.
Dass eine gemeinsame Stadt die beste Lösung sei, entnehmen die Befürworter dem Leitfaden zur kommunalen Zusammenarbeit des sächsischen Innenministeriums. Darin heißt es, dass im Jahr 2025 Kommunen im Umfeld von Großstädten 8000 Einwohner haben sollen. Die Einwohnerzahl von Sachsen würde bis dahin um 17 Prozent sinken. "Mit der Mindestgröße werden die Kommunen besser in der Lage sein, für ihre Bürger zu agieren", sagte Innenminister Markus UIlbig (CDU) bei einem Gespräch mit der Bürgerinitiative in dieser Woche.
Was nach der Phase der freiwilligen Zusammenschlüsse folgt, weiß niemand, doch das Gespenst der Zwangsvereinigungen geht um. Wenn sich die gemeinsame Stadt am Sachsenring bis zum 1. Januar 2013 gründet, winkt eine Prämie von einer Million Euro. Man wäre mit der Entscheidung in guter Gesellschaft: 2010 haben sich in Sachsen 26 Kommunen zusammengeschlossen, in diesem Jahr wagten bisher zwei den Schritt.


