Lalena Damisch. Lalena Damisch.

Foto: Markus Pfeifer

Mini-Erfolg: Lalena lernt mit 24 Schülern

Ein Mädchen, das schwer hört, bangt vor großen Klassen - Ihre Geräuschewelt ähnelt einem großen Klangteppich

Gersdorf. In drei Tagen beginnen für Lalena Damisch die Ferien. Die Achtklässlerin aus Gersdorf freut sich darauf, doch bleibt ein mulmiges Gefühl: Was kommt danach?, fragt sich die 14-Jährige besorgt. Das Mädchen ist taub, dank zweier Implantate hört sie schwer. Ab dem 9.Schuljahr sitzt sie in der Lugauer Mittelschule Am Steegenwald in einer Klasse, die deutlich größer ist. Nach derzeitigem Stand werden es 25 Schüler sein, sagt Lutz Steinert, Sprecher der Bildungsagentur.

Ein kleiner Erfolg, freut sich Vater Gerald Damisch. Noch aber hat er das nicht schriftlich. Erst waren 28 und 29 Schüler im Gespräch. Bisher hatte sie nur 18 Mitschüler. Das Schulgesetz aber verlangt mindestens 20. Die Eltern haben rund 20Verbände, Behörden und Politiker um Hilfe gebeten, damit Lalenas Klasse so bleiben kann. Nur 10 haben geantwortet, sagt Gerald Damisch ernüchtert.

Nach zwei Gehörstürzen vor gut einem Jahr diagnostizierten die Ärzte bei Lalena hochgradige, an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit beidseits. Das Mädchen wollte auf keine Sonderschule, kämpfte sich an die Mittelschule zurück, bringt gute Noten nach Hause. Doch wenn zu viele Geräusche sie umgeben, fühlt sie sich überfordert.

Lalenas Hören funktioniert anders. Die Geräusche, die sie wahrnimmt, klingen technisch, wie Computerstimmen. Rascheln ihre Mitschüler beim Auspacken der Hefte und spricht zeitgleich der Lehrer, muss sie sich immens konzentrieren, um den Lehrer zu verstehen. "Es ist wie in einem Song, wo Schlagzeug und Gesang zusammengemixt sind." Lalena hört alles, aber das auf einmal. Während andere Unwesentliches ausblenden können, umfängt die Schülerin ein großer Klangteppich. Für Lalena ist Hören Arbeit.

Im Unterricht sitzt sie in der ersten Reihe. In Ethik, wo 28 Schüler gemeinsam Unterricht haben, hilft ihr das dennoch wenig. Ihre drei guten Freundinnen kann sie in der Pause fragen, wenn sie etwas gar nicht verstanden hat. Zwei Förderstunden bekommt sie von den Lehrern, wenn sie Hilfe benötigt.

Musikhören, für viele Jugendliche ein Muss, macht Lalena nur selten. Ins Freibad, einst einer ihrer Lieblingsorte, geht sie allein gar nicht mehr. "Ich bin taub, wenn ich die Implantate rausnehme. Wenn hinter mir jemand reinspringt, bekomme ich richtig Panik."

Mit dem Abschlusszeugnis der neunten Klasse muss sich Lalena, wie ihre Mitschüler, bewerben. "Ich habe Angst, nicht mitzukommen."

Landesverband stellt sich hinter Lalena

Michael Welsch, Geschäftsstellenleiter von Sachsens Behindertenbeauftragtem Stephan Pöhler, bedauert: Die Maximalzahl von 25 Schülern nach der Schulintegrationsverordnung ist leider nur eine Soll-Vorschrift und Pöhler verfügt über kein Weisungsrecht. "Ein Schulwechsel ist sicher die schlechteste Variante."

Astrid Grüttner, Vorstandsmitglied des Landeselternrates, fordert, dass der konkreten Behinderung des Mädchens Rechnung getragen werden muss. "Lalena ist im besten Wortsinne in ihrer Klasse integriert. Unter diesen Umständen ist es für uns unverständlich, wie hier eine Klassenzusammenlegung geplant werden kann."

Julia Wunsch, 1. Sprecherin der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen", sieht ein generelles Problem: Aufgrund des allgemeinen Lehrermangels werden Klassen immer häufiger größer geplant. Für eine integrative Beschulung werden die Rahmenbedingungen immer schlechter. Sie fordert, das sächsische Schulgesetz zu ändern, um es konform zu machen mit der EU-Behindertenrechtskonvention. (upa)

 
erschienen am 17.07.2012 ( Von Uta Pasler )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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