Ralf Harder aus Hohenstein-Ernstthal forschte nach. Er glaubt, dass Karl May in seiner Autobiografie die Wahrheit schreibt. Der Abenteuerschriftsteller wurde Opfer einer Intrige. Seine Erkenntnisse veröffentliche Harder jetzt im Magazin "Der Beobachter an der Elbe".
Foto: Andreas Kretschel
Uhrenaffäre bringt Karl May hinter Gitter
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Hohenstein-Ernstthal. Schreibt Karl May in seiner Autobiografie die Wahrheit, oder nicht? Dieser Frage ist in den vergangenen Wochen Ralf Harder nachgegangen. Sein Fazit: Der Abenteuerschriftsteller wurde Opfer einer Intrige. "Was er über sich selbst schreibt, ist höchstwahrscheinlich wahr", sagt Harder.
Harder ist Mitglied im Verein "Silberbüchse", dem Förderverein des Karl-May-Hauses. Er will die Nachfolge des derzeitigen Geschäftsführers Andreas Barth antreten. Zudem schreibt der 49-jährige Hohenstein-Ernstthaler für das Magazin "Der Beobachter an der Elbe". Darin beleuchtet er Karl May, zuletzt die Taschenuhraffäre. Sie trug sich vor rund 150 Jahren zu und war ein Schlüsselereignis im Leben des Schriftstellers. "Ohne die Affäre hätte es vermutlich all die wunderbaren Geschichten nicht gegeben."
Ihren Beginn nimmt die Affäre im Jahr 1861. Karl May arbeitet als Hilfslehrer in der Glauchauer Armenschule. Nachdem er die junge Ehefrau seines Vermieters küsst, muss er gehen. Daraufhin nimmt er eine Stelle in einer Altchemnitzer Fabrikschule an. Dort teilt er sich eine kleine Wohnung mit einem Buchhalter des Unternehmens. Karl May sei diesem jedoch ein Dorn im Auge gewesen, sagt Ralf Harder. Um pünktlich zum Unterricht erscheinen zu können, braucht Karl May eine Taschenuhr. Da der Buchhalter zwei hat, verleiht er eine an den Lehrer. "In der ersten Zeit hing ich die Uhr, sobald ich aus der Schule zurückkehrte, sofort an den Nagel zurück. Später unterblieb das zuweilen", schreibt Karl May in seiner Autobiografie.
So nahmen die Dinge ihren Lauf. Einen Tag vor Heiligabend reist May nach Ernstthal zu seiner Familie. Die Uhr hat er noch in seiner Tasche. Am nächsten Tag wird er auf dem Hohensteiner Weihnachtsmarkt festgenommen. Der Buchhalter hatte Karl May wegen Diebstahls angezeigt. "Ich beging den Wahnsinn, den Besitz der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man nach ihr suchte, gefunden. So vernichtete mich also die Lüge, anstatt daß sie mich rettete." Sechs Wochen kam er in Haft. Danach sei Karl May ein anderer Mensch gewesen, sagt Harder. "Vor allem durfte er nicht mehr als Lehrer arbeiten, was ihm zusetzte. Aus seelisch-psychischer Verstörung geriet er auf die schiefe Bahn."
Aber hätte Karl May es tatsächlich geschafft, die Uhr seinem Stubenkameraden zurück zu bringen, ohne seinen Zug zu verpassen? Anders als viele Historiker sagt Harder: "Nein. Es wäre wohl zu knapp gewesen." Für ihn ist klar: Karl May handelte nicht in böser Absicht. Um das zu beweisen, unternahm Harder extra eine Wanderung. Der Chemnitzer Karl-May-Freund Hartmut Bauer begleitete ihn. 3,8 Kilometer liegen zwischen der Schule und Karl Mays Wohnung. Harder brauchte für die Strecke 45 Minuten. "An dem Tag war tiefer Winter. Er hätte länger gebraucht und wäre entgegensetzt der Richtung des Bahnhofes gelaufen." Zudem sei Karl May mit Schreibarbeiten beschäftigt gewesen. "Wahrscheinlich musste er sich auch um den Ofen kümmern, der den Klassenraum beheizte. Der Raum war zu reinigen. Mit Weihnachtsgrüßen musste sich Karl May von den Führungspersönlichkeiten der Fabrik verabschieden." Es gab jede Menge zu tun. Zweieinhalb Stunden blieben Karl May nach dem Unterrichtsschluss, bis sein Zug fuhr. "Die Zeit war zu knapp."
Harder räumt mit einer anderen Annahme auf. In der Forschung sei oft behauptet worden, dass die Unterrichtszeit erst am Heiligabend endete. Ralf Harder blätterte in alten Kirchdokumenten nach. Er fand heraus, dass die Schulzeit schon am 23. Dezember vorbei war. Also zu dem Zeitpunkt, den auch Karl May in seiner Autobiografie nennt. "Seine Beschreibung der Geschehnisse ist glaubwürdig", sagt Harder. Er will damit ein Bild zurecht rücken. "Es wird oft behauptet, Karl May wäre vielleicht etwas schludrig gewesen. Das stimmt nicht", sagt er. Ihm habe schichtweg die Zeit gefehlt.
Und warum wurde der spätere Abenteuerschriftsteller überhaupt angezeigt? Dies sei wiederum in der Forschung unstrittig, erklärt Ralf Harder. "Der Zimmerkollege wollte die Wohnung für sich haben." Also verlieh er die Uhr, um May später anzuzeigen. Für die Nachwelt war die Uhren-Intrige ein Glücksfall. Auch Harder kann ihr viel abgewinnen. "Ohne den Buchhalter hätte Karl May einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Nur aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse wurde er ein erfolgreicher Schriftsteller."


