Andreas Salzwedel, Vorsitzender des Kreisverbandes der LinkenFoto: Thomas Michel
Telefon-Skandal: Linke erklärt Bankrott
Vorsitzender des Partei-Kreisverbandes: "Wir sind in Werdau nicht mehr Herr der Lage" - Ortsgruppen-Chefs von Vorsitz entbunden
Werdau .
Eigentlich wollte der Stadtverband der Linken am Donnerstagabend über den Telefon-Umfrage-Skandal im Werdauer Rathaus, die Rolle des Oberbürgermeisters und Konsequenzen für die Partei debattieren. Dazu kam es nicht. Über die Gründe sprach Uwe Mühlhausen mit dem Vorsitzenden des Kreisverbandes, Andreas Salzwedel.
Freie Presse: Die Werdauer Basisgruppe der Linken hat auf einer Sondersitzung am Dienstag den Rücktritt von Ralf Tittmann vom Amt des Oberbürgermeisters gefordert und ist dafür vom Landeschef gerügt worden. Auf welcher Seite stehen Sie?
Andreas Salzwedel: Hier geht es nicht darum, wo ich stehe, sondern um Fakten. Den Mitgliedern war bekannt, dass wir am Donnerstag auf einer Sitzung des Stadtverbandes über die Vorgänge im Werdauer Rathaus reden und dazu auch Ralf Tittmann als Stadtoberhaupt hören wollten. Mit ihrem Beschluss haben die Genossen übereilt gehandelt.
Freie Presse: Damit teilen Sie die Auffassung des Landeschefs Ihrer Partei?
Andreas Salzwedel: Der Stadtverband hat vier Basisgruppen mit insgesamt 91 Mitgliedern. Somit spiegelt der Beschluss der Werdauer Gruppe, von der 18 Mitglieder an Beratung teilnahmen, nicht die Meinung des Stadtverbandes wider. Mit ihrem Beschluss haben die Genossen eine Bankrotterklärung für die Linken in Werdau abgegeben, die nicht mehr korrigierbar ist.
Freie Presse: Ralf Tittmann nahm am Donnerstagabend an der Sitzung des Stadtverbandes teil, ohne sich vor seinen Parteimitgliedern zu den Vorwürfen zu äußeren. Das hatte jedoch ein Großteil der Anwesenden erwartet. Sie nicht?
Andreas Salzwedel: Ich hatte im Vorfeld mit ihm geredet. In einem Vier-Augen-Gespräch versicherte er mir, dass aus seinem Bereich und durch ihn keine Anrufe an der Telefonumfrage ausgegangen sind. Das muss ich glauben.
Freie Presse: Gegenüber der "Freien Presse" hatte Tittmann geäußert, sich mit einem Anruf an der Umfrage beteiligt zu haben. Lügt er?
Andreas Salzwedel: Ich gehe davon aus, dass es wirklich nur ein Anruf war und nicht 268. Fest steht: Solange die Schuld von Herrn Tittmann nicht eindeutig bewiesen ist, gilt er als unschuldig.
Freie Presse: Einige Genossen an der Basis sehen das anders, die haben nach Bekanntwerden der Querelen ihr Parteibuch niedergelegt. Befürchten Sie weitere Austritte?
Andreas Salzwedel: Die Unstimmigkeiten in der Basisgruppe bestehen seit dem Amtsantritt von Ralf Tittmann. Doch man darf nicht außer Acht lassen, dass er von den Werdauer Genossen erst für das Amt nominiert wurde. Ralf Tittmann ist vom Charakter und seinem Führungsstil her ein ganz anderer Mensch als sein Amtsvorgänger Volkmar Dittrich. Dass es dabei auch in der Basisgruppe zu verschiedenen Auffassungen kommt, lässt sich nicht vermeiden. Probleme sollten gemeinsam und vor allem sachlich geklärt werden.
Freie Presse: Das war in der Vergangenheit offenbar nicht der Fall. Die Basisgruppe wirft Tittmann vor, kritische Hinweise der Genossen aus den eigenen Reihen missachtet zu haben. Warum hat der Vorstand des Stadt- oder Kreisverbandes nicht reagiert?
Andreas Salzwedel: Das haben wir nach Bekanntwerden der mysteriösen Anrufe aus dem Rathaus zur Telefonumfrage auch getan. Am 27. Juni traf sich der Vorstand des Kreisverbandes mit den Vorsitzenden der Basisgruppen zu einem Gespräch. Danach erfolgte eine Absprache mit dem Landesverband. In dessen Ergebnis hat sich der Vorstand entschlossen, die Vorsitzenden der Ortsgruppen und des Stadtverbandes von ihren Funktionen zu entbinden und die Gruppen direkt dem Kreisverband zu unterstellen.
Freie Presse: Ist die Entscheidung nicht zu spät gefallen?
Andreas Salzwedel: Wir haben als Kreisverband schon vor Monaten versucht, Einfluss auf die Arbeit der Basisgruppe zu nehmen und dazu auf dem Kreisparteitag im März auch klare Beschlüsse gefasst. Ich werde im Auftrag des Kreisvorstandes in den nächsten Tagen die Landesschiedskommission anrufen. Die soll die bestehenden Konflikte in Werdau untersuchen und dafür sorgen, dass für die Genossen der Basisgruppe ein Neuanfang möglich ist.


