Ruth Götz mit den Unterlagen aus der Zeit des Siedlungsbaus. Auf dem Foto vorn enthüllt ihr Vater das Schocken-Denkmal.
Foto: Ralph Köhler
Am Anfang steht die Gemeinschaft
Viertel, das durch die rechte Terrorzelle in die Schlagzeilen geriet, war von Beginn eine Hochburg der Sozialdemokratie
Zwickau. Vor mehr als 90 Jahren haben sich in der "Neuen Welt" in Zwickau 23 Männer getroffen, um sich etwas aufzubauen. Vor mehr als neun Jahrzehnten wurde in Zwickau der Gedanke geboren, dass die unter oft unwürdigen Bedingungen lebenden Arbeiter bessere Häuser brauchen. Vor fast einem Jahrhundert entstand in Zwickau der Gedanke zum genossenschaftlichen Wohnungsbau.
Heute sitzt Ruth Götz in einer dieser Wohnungen, die damals auf Anregung des Horch-Betriebsratsvorsitzenden Arno Seidel gebaut worden waren. Der tatkräftige Schlosser war ihr Vater. Und sie als jüngstes von sechs Kindern hat alles aufgehoben, was ihr Vater über den Bau der Siedlung aufbewahrt hat. Angefangen von der Anwesenheitsliste der allerersten Sitzung über Fotos von den Bauarbeiten bis hin zu den Skizzen, die wahrscheinlich der Vermesser des Baugebiets von der damals noch grünen und mit Bäumen bestandenen Landschaft angefertigt hat. Ruth Götz hat all dies aufgehoben während der Nazizeit, als es bei Seidels Hausdurchsuchungen gab; sie bewahrte es über die DDR-Zeit hinweg auf. Und heute findet sich das Lebenswerk ihres Vaters gut sortiert und immer wieder angesehen in Heftern und Kartons.
Eigentlich wollten die Genossen auf dem Gelände bauen, auf dem jetzt das 04-Bad steht. Doch die Stadt hatte andere Pläne: Sie wollte dort jene Landwirtschaftsschule errichten, die jetzt allerdings an der Werdauer Straße steht. Statt dessen bekamen die bauwilligen Fabrikarbeiter ein Stück Land zwischen der Inneren Niederhohndorfer Straße und der Damaschkestraße. Heute sind das die Frühlingsstraße und der Anton-Saefkow-Weg - damals waren es Straßen im eigenständigen Dorf Weißenborn. Das wurde 1922 eingemeindet. "Der damalige Oberbürgermeister hat meinem Vater deswegen ein Dankschreiben geschickt. Das halte ich hoch in Ehren", sagt die 87-Jährige.
Ehe es mit dem Hausbau begann, wurden zunächst nur Parzellen abgeteilt und Gärten eingerichtet, berichtet Ruth Götz. "Dafür haben die Horchwerke und die Fahrzeugfabrik jeweils eine Million Mark gespendet. Von Simon Schocken kamen 300.000 Mark." Der bekannte Unternehmer hat sich nicht nur mit Geld um die Siedlung verdient gemacht. Unter dem Motto "Eigenheim durch eigene Arbeit" erstellte er Pläne, wie sich Häuser möglichst effizient bauen lassen. Ruth Götz berichtet: "Der Lehmboden, der bei Ausschachtungsarbeiten gewonnen wurde, der wurde zu Ziegeln gepresst. Die wurden nicht gebrannt, sondern in der Sonne getrocknet." Das erste Haus ist damit gebaut worden - es steht immer noch. Übrigens war Simon Schocken so von der Idee des genossenschaftlichen Bauens begeistert, dass er eben jenes Gebäude Lilienweg 1- 3 für die Arbeiter kostenfrei baute, erzählt Ruth Götz. Auf dem Lilienweg entstanden elf Schockenhäuser, danach regte die Stadt an, größere Gebäude zu bauen. So konnten die Arbeiter untervermieten.
Seit ihrem dritten Lebensjahr, seit 1926, wohnt Ruth Götz in dieser Siedlung. Ihre Kindheit war von gemeinschaftlichen Bauarbeiten geprägt. Sie weiß noch, wie die Männer geschuftet haben, um den Abwasserkanal zu verlegen. Sie erinnert sich, dass der Ausbau der Frühlingsstraße schon schneller vorangegangen war, weil sich die Genossenschaft einige Maschinen leisten konnte. Und sie denkt daran zurück, wie 1933 der Genossenschaftsvorstand - fast alle waren Sozialdemokraten - abgesetzt wurde. Begründung: Die Arbeit habe einen anderen Sinn erhalten, indem sie nun im Zeichen des Führerprinzips stehe, liest Ruth Götz vor. Sie schüttelt den Kopf. "Und dann wurden die NSDAP-Mitglieder per Handschlag als neuer Vorstand verpflichtet. Unsere Leute hatten keine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen."


