Grabungsleiter Jörg Wicke markiert das freigelegte Skelett. Der Fund wird fotografisch dokumentiert, seine Lage, Tiefe und Größe genau bestimmt. Die Gebeine gehen ans archäologische Landesamt. Ihre Untersuchung liefert Erkenntnisse über das Leben im Mittelalter.
Foto: Alfredo Randazzo
Archäologen graben Gebeine aus
Rund 30 Skelette sind bisher bei Grabungen am Dom St. Marien geborgen worden
Zwickau. Mit den jüngsten Knochenfunden an der Nordseite des Zwickauer Doms hat sich die Zahl der Skelette, die Archäologen seit Beginn der Grabungen im März geborgen haben, auf 30 erhöht. Grabungleiter Jörg Wicke schätzt anhand der Belegungsdichte, dass es am Ende doppelt so viele werden.
An der Nordseite steht noch einmal eine u-förmige Grabung an, danach arbeiten sich die Archäologen entlang des Hauptportals in Richtung Südosten um das Gotteshaus herum vor. "Wir suchen nur in dem zwei Meter breiten Streifen, den die Bauleute für die Versorgungsleitungen ausheben. Würden wir großflächig graben, kämen ab 1,50 Meter Tiefe Hunderte Skelette zum Vorschein."
Im "Wenzel" war das Gebeinhaus
Die Gebeine stammen aus dem tiefsten Mittelalter. Wicke weiß, dass die Belegung des Friedhofes um 1425 geendet hat. Ein Grund: Platznot. Dafür spricht, dass die Skelette oft nur im Zentimeterabstand über- und nebeneinanderliegen. Den spektakulärsten Fund machten die Wissenschaftler im Fundamentbereich jenes Pfeilers am Ende der Nordfront, auf dem Luther, Bugenhagen und Melanchthon stehen. Das wilde Durcheinander von Schädeln, Arm- und Beinknochen ist ein Indiz dafür, dass eine große Grube ausgehoben und die Knochen von schätzungsweise 100 Individuen gleichzeitig "entsorgt" wurden. Im Gebäude nebenan, das heute die Gaststätte "Zum Wenzel" beherbergt, befand sich einst das Gebeinhaus. Wicke vermutet, dass man sich irgendwann im Zuge einer Umnutzung des Gebäudes auf elegante Weise der dort aufbewahrten Gebeine entledigt hat.
Solche Skelettfunde halten auf. Ein Skelett sorgfältig freizulegen, zu dokumentieren und zu verpacken, dazu braucht ein Mann einen ganzen Tag. Wertvoll sind die Knochen allemal. Wissenschaftler können durch deren Analyse wichtige Erkenntnisse bekommen: zu Geschlecht, Sterbealter, Ernährung, Erkrankungen, mitunter auf den Beruf oder Herkunftsort schließen. "Die Isotope in den Zähnen lassen zum Beispiel Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Grundwassers zu. Und die ist in jeder Gegend anders", sagt Wicke. So käme man dem Geheimnis auf die Spur, von woher es die Zwickauer des Mittelalters an die Mulde verschlagen hat.
Im Schulgässchen floss ein Bach
Im Schulgässchen sind die Archäologen erneut auf Hinweise gestoßen, dass es hier einen Bachlauf gab, der vermutlich später mit einer viereckigen Holzleitung verrohrt worden ist. "Die kann als Drainage, aber auch als Nutzwasserleitung gedient haben", sagt Wicke. Denn wenige Meter entfernt finden sich Grundmauern weiterer Priesterhäuser und die Reste eines Brunnens, der irgendwann verfüllt worden ist. Dass sich diese Wasserspender - wie auch hier - manchmal unweit der Latrine befanden, ist für damalige Verhältnisse nichts Ungewöhnliches.

