Wolfgang Damm (links) und Wolfgang Junghans vor dem umstrittenen Areal. Bis zum Horizont sollen sich die Industrieflächen ausdehnen.
Foto: Marcus Richter
Bauern wollen keine Bauernopfer sein
Geplante Industrie-Großansiedlung lässt Eigentümer um Land und Umweltschutz fürchten
Zschocken. 400 Meter oberhalb des Gehöfts von Wolfgang Junghans pfeift der Wind. Über einen Kilometer weit gleitet der Blick von der alten Katzenstraße über die Felder. Stille liegt über dem Land. Hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Die S 255 vom Gasthof Promnitzer in Oelsnitz zur Autobahnauffahrt Hartenstein quert die Äcker. Die A 72 flankiert das Gelände von Süden.
Hier planen die Städte Hartenstein, Oelsnitz und Aue ein 100 Hektar großes Gewerbegebiet. Wolfgang Junghans bekäme damit ein Problem: Gut 27 Hektar Ackerland gehören dem Mann, der am Oberzschockener Lindenweg wohnt. Obendrein pachtet der 55-Jährige 18 Hektar. Somit befinden sich 80 Prozent seiner Böden auf den vom Städtetrio begehrten Flächen. Der Bauer müsste seinen Betrieb dichtmachen, wenn die Ansiedlung kommt. Sein Hof würde einen neuerlichen Wertverlust erfahren. Für den sorgt in dem Hartensteiner Ortsteil bereits die nahe Autobahn. Nun noch die Pläne mit der Industrie - für Wolfgang Junghans "nicht zumutbar".
Sein Kollege, Wolfgang Damm aus Thierfeld, besitzt auf dem Gelände knapp sieben Hektar Land, unter anderem am alten Güllebecken. Er sagt: "Wir müssen an die nachfolgenden Generationen denken, dürfen die Flächen nicht versiegeln." Insgesamt 143 Hektar würden die Bauern verlieren, wenn sie sich von ihrem Besitz trennen. Davon sollen 100 Hektar in nutzbare Gewerbefläche umgewandelt werden. Der Rest ist unter anderem für Verkehrs- und Böschungsflächen vorgesehen. Das sagt Ralf Bauer, Geschäftsführer eines Auer Planungsbüros. Bereits im Juni 2009 hat er eine Machbarkeitsstudie für das Projekt erstellt.
Zweimal ließ Wolfgang Junghans Hartensteins Bürgermeister Andreas Steiner (parteilos) in den letzten zwei Jahren wissen: "Mein Grund und Boden steht nicht zur Verfügung." Auch andere Bauern wollen nicht verkaufen. Fünf Landwirtschaftsbetriebe und zwei Agrargenossenschaften bewirtschaften das Gelände, von dem ein Großteil einer Erbengemeinschaft gehört. Die Äcker haben laut Wolfgang Junghans eine Bodenwertzahl von über 40 - für die Gegend sehr gut.
Junghans und Damm haben kürzlich im öffentlichen Teil des Stadtrats gesprochen. Sie fühlen sich von der Stadtverwaltung hintergangen. Bereits vor knapp zehn Jahren, am 10. September 2002, hatten die Räte die Flächen als Vorsorgestandort empfohlen. Zschockens Bauern sehen sich über die Dimension des Vorhabens getäuscht. Stadtoberhaupt Steiner rechnet mit Erschließungskosten von 35 Millionen Euro. Der Standort ist Bestandteil des Landesentwicklungsplans.
Der Bürgermeister sagt: "Wir reden über eine Machbarkeitsstudie, nicht über die Umsetzung. Vielleicht passiert gar nichts." Aber wenn, dann werde es kein kleinteiliges Gewerbegebiet geben. Die Pläne sehen Größeres vor und sind weit gediehen: Eventuell noch in diesem Jahr wollen die drei Städte einen Planungsverband gründen, um künftig gemeinsam entscheiden zu können. Steiner will sich im ersten Halbjahr mit allen erreichbaren Eigentümern zusammensetzen und über den Sachstand informieren.
Zschocken würde nach Junghans' Berechnungen ein Zehntel seiner Ackerfläche einbüßen, wenn die Großansiedlung Wirklichkeit wird. Berufsgenosse Damm setzt noch einen drauf: "In der Bundesrepublik verliert die Landwirtschaft täglich und dauerhaft 90 bis 100 Hektar."
Kommunen konkurrieren um Industrieansiedlungen
Ein Wettrennen mit Gewerbe- und Industrieflächen liefern sich derzeit die Kommunen des Landkreises.
In Schneppendorf will Zwickau nahe der Bundesstraße 93 Ackerland in ein Industriegebiet umwandeln. Nach langer Diskussion wurde beschlossen, dass für die 114 Hektar große Fläche ein Bebauungsplan erarbeitet wird.
Reinsdorf und Friedrichsgrün verfügen schon über Gewerbeflächen. Diese wurden seit 2008 von 50 auf 60 Hektar erweitert. Im Bedarfsfall sollen in den nächsten Jahren weitere 10 Hektar erschlossen werden.
In Härtensdorf tut sich trotz Erschließung nichts. Aber Wildenfels hofft auf einen Großinvestor. (mno)


