Foto: dapd

Besser spät als nie: Tillich in Zwickau

Ministerpräsident war nach über zwei Monaten in die Stadt, in der die Terrorzelle aufflog

Zwickau. Ganz so schnell wie seine Amts- und Parteikollegin Christine Lieberknecht (CDU) war Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich nicht. Während Thüringens Ministerpräsidentin es schaffte, binnen zweieinhalb Wochen von Erfurt nach Jena zu reisen und beim Rockkonzert gegen Rechtsextremismus gemeinsam mit der Stadt publikumswirksam Flagge zu zeigen, brauchte Tillich über zwei Monate von Dresden bis nach Zwickau.

Gestern kam er in die Stadt, die ihren Namen täglich in Berichten wiederfindet, seit im November in der Frühlingsstraße im Ortsteil Weißenborn das aus Jena stammende Neonazi-Trio aufflog: jene Terroristen, die für die Mordserie an neun ausländischen Kleinunternehmern, den Mord an einer Polizistin in Heilbronn und zwei Bombenanschläge verantwortlich gemacht werden.

Doch fand Tillich gestern Worte, den Zwickauern im Kampf gegen die medialen Wogen beizustehen, gegen die "Eindimensionalität" mancher Berichte, wie er sagte. "Zwickau ist keine Keimzelle des Rechtsextremismus", betonte er. Vom örtlichen Engagement gegen solches Gedankengut hatte er sich schon überzeugen können, bevor er abends beim Dialog des örtlichen Bündnisses für Demokratie und Toleranz seine Rede hielt.

Am Nachmittag hatte Tillich im Clara-Wieck-Gymnasium jene Ausstellung besucht, die der einstige Religionslehrer und Dompfarrer Edmund Käbisch gemeinsam mit Schülern erstellt hatte. Thema: Euthanasie und Zwangssterilisation zur Nazizeit. Vor acht Jahren begannen die Gymnasiasten damit, örtlichen Schicksalen behinderter Menschen nachzugehen und ihre Ergebnisse auf Schautafeln festzuhalten. Die vielfach preisgekrönte Schau gibt den Opfern ein Gesicht, stellt Menschen wie den geistig Behinderten Ludwig Rux vor. Der Zwickauer wurde 1940 im Alter von 17 Jahren in Pirna-Sonnenstein vergast, einer jener Vernichtungsstätten der von den Nazis "Aktion T4" genannten Ausmerzung sogenannten "unwerten Lebens". Die Tötung Behinderter war gewissermaßen Generalprobe für den Holocaust. Die Schüler-Ausstellung wurde inzwischen in vielen Teilen des Landes gezeigt und wird als Lehrmaterial im Unterricht genutzt. Geschichtsaufarbeitung made in Zwickau.

Die Menschenverachtung, mit der die Terroristen über Jahre unbemerkt mordend durchs Land zogen, mache deutlich, "wie wichtig diese Erinnerungsarbeit immer noch ist", sagte Tillich in seiner Rede im Veranstaltungszentrum Alter Gasometer. Er sei Käbisch und den Schülern "dankbar" und lege Wert darauf, dass die Arbeit weitergeführt werde. Es sei "unerträglich, dass Menschen unter uns leben, die anderen die Existenzberechtigung absprechen", sagte Tillich. Seit dem Einzug der NPD in den Landtag sei klar, "Sachsen muss diesen braunen Dreck loswerden". Er schaffe geistige Voraussetzungen für solche Taten. "Die Antwort", wie mit dem Problem umzugehen sei, gebe es nicht, sondern nur viele Antworten. Eine, betonte Tillich, liege in kontinuierlicher Arbeit mit Jugendlichen, denn "demokratische Überzeugungen wachsen nicht von allein". Besondere Würdigung ließ er somit gestern dem ehemalige Olympiasieger und Präsidenten des Landessportbundes, Andreas Decker, zuteilwerden. Ihm überreichte Tillich feierlich den sächsischen Verdienstorden. Auch sechs Feuerwehrmänner zeichnete er aus, für ihren Einsatz beim Löschen des Hauses an der Frühlingsstraße. Während das Haus der Terrorzelle abgerissen wird, um keine Wallfahrtsstätte für Rechtsextreme entstehen zu lassen, erinnert 400 Meter Luftlinie entfernt davon ein Mahnmal ans Schicksal des Zwickauers Ludwig Rux: ein im Pflaster vor seinem Elternhaus eingelassener Stolperstein gegen das Vergessen.

 
erschienen am 31.01.2012 (Von Jens Eumann)
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 31.01.2012
    09:44 Uhr

    ChemB: Liebe Landes- und Kommunal-Politiker, heftet euch mal diese Rede ans Pult, wenn ihr mal wieder die finanziellen Mittel für Präventionsmaßnahmen streichen müßt.

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