Kein Fenster wie das andere? Nur auf den ersten Blick. Es sind lediglich drei Größen, die sich abwechseln: kleine, mittlere und große Quadrate. Das Durcheinander in der Anordnung ist gewollt.
Foto: Ralph Köhler
Beton im Zwickauer Ärztehaus: Zweifel bleibt
Tag der Architektur in Zwickau: Das Historische begeisterte durchweg, das Moderne löste kontroverse Diskussionen aus
Zwickau. Ingrid Stengel: "Und was kommt an die Wände? Welcher Putz?" Carsten Brunner: "Nix." Ingrid Stengel: "Wie nix?" Carsten Brunner: "Die sind fertig, da kommt nichts mehr ran. Die Wände bleiben so." Die 63-jährige Zwickauerin wollte nicht glauben, was ihr der Architekt des neuen Ärztehauses am Braun-Klinikum versuchte, schonend beizubringen: Der Sichtbeton in Flur und Wartebereich der Arztpraxen wird nicht mehr überputzt. "Ist wohl ein Zeitgeschmack", vermutet Ingrid Stengels Mann Benno (73). Skeptisch bleiben beide.
Zum Tag der Architektur nutzten sie am Samstag wie 200 andere Interessenten die Gelegenheit, vor der Eröffnung am 13.Juli einen Blick ins Ärztehaus zu werfen, das unter Regie der Aboa-Aufbauostarchitekten entstand. Bauherr ist das Heinrich-Braun-Klinikum (HBK), das drei Millionen Euro investierte. Das Gesundheitszentrum mit Physiotherapie von Anna Leichsenring im Erdgeschoss ist schon seit einigen Tagen offen. Jetzt folgen die Umzüge der Geriatrie-Tagesklinik sowie der Arztpraxen: Zwei wechseln über die Straße vom alten Ärztehaus ins neue - deren bisherige Praxen sind schon wieder vermietet, sagt HBK-Sprecherin Cathleen Schubert. Zwei weitere Mediziner ziehen von der Innenstadt an den Stadtrand.
Zu ihnen gehört Kardiologe Markus Brode, noch behandelt er seine Patienten in der Praxis am Dr.-Friedrichs-Ring. Wolfgang Rau (78) hatte vom Umzug gehört. Der Eckersbacher schaute sich mit seiner Frau Ingrid (75) schon mal an, wohin ihn künftig sein Arztbesuch führt. "In einen fertigen Rohbau, gewöhnungsbedürftig", blickten sie skeptisch auf die Betonwände. "Vielleicht sind wir nicht modern genug." Lydia Richter (34) hingegen erkannte "ein ruhiges Grundkonzept. Das passt zu einem Herzspezialisten. Außerdem kommen noch farbige Stühle und Grünpflanzen rein." Die Architektin aus Reichenbach drängte die berufliche Neugier ins Ärztehaus und gehörte zu den wenigen Gästen, die sich mit den Betonwänden anfreunden konnten.
Viel weniger Diskussion rief die auffällige Fassade mit ihren rund 100 Fenstern hervor - scheinbar jedes anders. Durch die versetzte Anordnung ist nicht sofort zu erkennen, dass nur drei Größen verbaut sind: kleine, mittlere und große Quadrate. Die Form findet sich in der Inneneinrichtung wieder. André Grunert (34) aus Steinpleis, der Mann, der die ungewöhnlichen Fenster eingebaut hat, gefällt das Gesamtkonzept: "Schick, modern."
Ingrid Stengel - Frau der Praxis - fragte sich nur, wie die Fenster ganz oben, fern der normalen Kopfhöhe, geputzt werden sollen. Architekt Brunner räumt ein, dass moderner Baustil nicht immer praktisch ist. Im Ärztehaus kommt der Fensterputzer per Hubwagen. HBK-Sprecherin Schubert sieht Fassade und Beton als guten Gegensatz zu den traditionellen Klinikbauten, bei denen der Denkmalschutz dominiert.
Wie auch in der ehemaligen Knopffabrik, der späteren Sachsenring-Ausbildungsstelle an der Moritzstraße. Familie Stengel war schon am Vormittag dort. Ingrid Stengel lernte dort den Beruf der Dreherin, später arbeitete sie in der Stadtplanung, ihr Mann in der Bauleitplanung. Sie ziehen den Hut vor den Aufbauostarchitekten, die auch in der Knopffabrik ihre Handschrift hinterlassen. Die 22 Meter hohe Kletterhalle ist bereits eingeweiht. Büro- und Lagerräume sowie vier Loftwohnungen mit Blick über Zwickaus Dächer werden folgen. Im November zieht der erste Mieter ein, sagt Architektin Sandra Große, die am Samstag 250 Besucher über die Baustelle führte.
Eine Baustelle ist auch noch die Schwimmhalle in Schedewitz: 75 Meter lang, 45 Meter breit, 10 Meter hoch. Bis zur Mittagszeit hatten am Samstag die Bauarbeiter am 14,5-Millionen-Euro-Projekt das Sagen. Deshalb konnten die rund 100 Zwickauer zum Tag der Architektur zwar durch die Gerüste rein ins Becken schauen, aber Absperrzäune verhinderten den Weg dorthin. Dabei hätte es schon manchen gereizt, im künftigen Schwimmerbereich "abzutauchen", sagte Bert Hoffmann, Geschäftsführer des Planungsbüros Bauconcept. Er war am Samstag der Mann der Kontraste, wechselte zwischen neuestem und ältestem Zwickauer Haus.
Das Schwimmbad soll im Herbst 2013 eingeweiht werden, während die Centralhalle am Hauptmarkt schon seit mehr als 800 Jahren steht. Die Westsächsische Wohn- und Baugenossenschaft Wewobau lässt sie zurzeit für 1,8 Millionen Euro umbauen. Nahezu täglich graben die Archäologen neue Überraschungen aus. Am Samstag haben 100 Zwickauer Historie geatmet. Familie Stengel beeindruckte besonders die Decke im Fischgrätenmuster. Die Wewobau will sie sichern und wieder verschließen. Für eine fachgerechte Erneuerung fehlt das Geld. Stengels haben eine Idee: "Wenn wir im Lotto gewinnen, sponsern wir die Sanierung der Decke." Das wäre dann eher nach ihrem Geschmack als die 800 Jahre jüngeren Betonwände im Ärztehaus.


08:39 Uhr
klapp: Das Ärztehaus ist eher ein altmodischer Bau, da er wenig flexibel ist. Moderne Architektur sollte auf Veränderung reagieren können (z.B. bei Mieterwchsel, veränderten Anforderungen der Mieter). Das scheint hier schwer zu sein.