Patrick R. möchte sich nicht zu erkennen geben.
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Das Warum bleibt unbeantwortet
Unter eines der brutalsten Verbrechen in Sachsen ist juristisch vorerst ein Schlussstrich gezogen
Zwickau. Als vergangenen Montag das letzte Plädoyer verklungen war, konnte der Angeklagte Patrick R. plötzlich nicht mehr an sich halten. Er brach in Tränen aus, schlug die Hände vor sein Gesicht und heulte hemmungslos. Der Gefühlsausbruch kam unvermittelt. Bis dahin hatte der ehemalige Radio-Praktikant kaum Emotionen gezeigt. An machen Tagen saß er so regungslos auf der Anklagebank, als ginge es in diesem Mordprozess mit so vielen schaurigen Details gar nicht um ihn.
Der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann hatte dem 27-Jährigen eine letzte Chance gegeben: "Wollen Sie uns nicht doch noch sagen, was wirklich passiert ist?" Unzählige Augenpaare richteten sich erwartungsvoll auf den großen, schmächtigen Mann. Doch der ging nicht darauf ein. Vielmehr stammelte er mit tränenerstickter Stimme: "Ich bedauere, was ich Susanns Familie, meiner eigenen Familie und allen Menschen um mich herum angetan habe."
Er wird in der Haft viel Zeit haben, darüber nachzudenken, wie viel Leid er über die Hinterbliebenen des Opfers und über die eigenen Angehörigen gebracht hat. Sein Bruder wird in der Schule gemobbt, weil er mit einem Verbrecher unter einem Dach lebte. Die Mutter wurde von ihrem Lebensgefährten verlassen, weil sie ihrem Sohn Briefe ins Gefängnis schreibt, den Mörder dort sogar besucht.
Neun Tage hat das Landgericht Zwickau über ein Verbrechen verhandelt, das zu Jahresbeginn bundesweit für Aufsehen sorgte. Eine junge Frau, Susann P., machte sich am frühen Morgen des 12. Februar nach einem Disko-Besuch auf den Weg zu ihrem Freund - ein Student, der nachts gejobbt hatte. Um 5.19 Uhr signalisiert sie ihm per SMS: "Bin auf dem Weg!" Genau zu dieser Zeit fuhr Patrick R. allein durch die Zwickauer Innenstadt. Die Wege der beiden kreuzten sich zufällig. Ihm fielen die roten Haare der 23-Jährigen auf. Er parkte das Dienst-Auto ein Stück entfernt und fragte sie, ob sie Lust auf schnellen Sex habe.
Was nach der sehr deutlichen verbalen Ablehnung genau und in welcher zeitlichen Abfolge passierte, konnte auch der Prozess nicht lückenlos aufklären. Für Staatsanwalt Bernd Saemann steht fest, dass R. die Frau mit seinem Schlüsselband erdrosselte, weil er den Sex mit ihr erzwingen wollte. Damit handelt es sich aus seiner Sicht um einen Mord aus niederen Beweggründen. Verteidiger Michael Windisch meint dagegen, dass sein Mandant nicht mit Tötungsabsicht handelte. "Er wollte nur ihren Widerstand brechen, sie gefügig machen. Dass sie dabei stirbt, ist nicht geplant gewesen."
Für die Mutter und die Schwester des Opfers, die als Nebenkläger mit im Gerichtssaal saßen, zählt nur, dass Susann tot ist. "Wir haben unser Kind über alles geliebt. Wir haben es beschützt und behütet, es unterstützt und geholfen, wo wir konnten", hatte die Mutter Kerstin P. über ihre Anwältin im Prozess verlesen lassen. "Und dann kommt einfach einer daher und nimmt sie uns weg. Er hat sie erdrosselt, missbraucht und im Tod noch bestohlen. Wir konnten uns nicht einmal von ihr verabschieden. Selbst das hat er uns genommen, indem er sie einfach verbrannte. Er hat Susann bestimmt 50 Lebensjahre geraubt. Genau so viele Jahre Haft wären gerecht." So die Worte der Mutter vor dem Urteilsspruch.
Eine Hoffnung, die sich wohl nicht erfüllen wird. Zwar wurde Patrick R. wegen versuchter Vergewaltigung in Tateinheit mit Mord schuldig gesprochen und zur Höchststrafe verurteilt. Aber eine lebenslange Haftstrafe bedeutet in Deutschland nicht, dass ein Mörder tatsächlich bis ans Ende seiner Tage im Gefängnis bleibt. Einziger Trost für die Hinterbliebenen: Da das Gericht eine besondere Schwere der Schuld des Angeklagten feststellte, hat er nach 15 Jahren keine Chance auf vorzeitige Entlassung.
Nach Ansicht von Nebenklageanwalt Reinhard Röthig stecken in Patrick R. ein Dr. Jekyll und ein Mr. Hyde. Er will damit sagen, dass es sich bei R. um eine gespaltene Persönlichkeit handelt: fromm wie ein Lamm einerseits, bestialisch wie ein Monster im nächsten Moment. Der Gutachter Matthias Lammel, einer der führenden psychiatrischen Sachverständigen in Deutschland, sah das im Prozess nicht so. Doch auch er konnte nicht gänzlich erklären, wieso ein eher normaler junger Mann über Nacht zum brutalen Verbrecher wird, der sein getötetes Opfer auch noch sexuell missbraucht und 20 Stunden später im Wald mit Benzin übergießt und anzündet.
Er verwies darauf, dass R. schon seit früher Kindheit vom Vater zu hören bekommt, dass er nichts wert ist, dass besser er anstelle der jüngeren Schwester bei einem Verkehrsunfall hätte zu Tode kommen sollen. Eine schmerzhafte Erfahrung für ein Kind. Der Junge sehnt sich gerade deshalb verstärkt nach Aufmerksamkeit, nach jemandem, der sich um ihn kümmert. Stattdessen verlässt der Vater die Familie, als Patrick R. gerade 14 Jahre alt ist.
Dieser geht aus dem Haus, als er selbst noch unreif und unsicher ist. Die Lehre und die Arbeit als Gebäudereiniger sind eher nicht geeignet, Zuwendung zu bekommen. R. versucht sich als DRK-Helfer zu profilieren, zieht 2006 zu einer Freundin ins Vogtland, wechselt ein Jahr später zu einer Reinigungsfirma nach München, geht schließlich an die Nordsee, arbeitet als Discjockey und heuert als Reinigungskraft auf einem Aida-Schiff an. "Er führt ein unstetes Leben, versucht immer wieder, sich zu integrieren, kriegt das aber nicht auf die Reihe", beschreibt Lammel die Persönlichkeit von R. Um seine egozentrischen Bedürfnisse zu befriedigen, werden Normen übertreten, wodurch R. schließlich Bekanntschaft mit der Polizei macht. Mehrfach muss er sich für kleinere Delikte verantworten. Ein Staatsanwalt lässt deshalb die DNA von R. in der Straftäterdatei des Bundeskriminalamts speichern. Eine Maßnahme, die im Februar nach dem Fund einer zum Glück nicht vollkommen verbrannten Frauenleiche schnell auf die Spur des Täters führt. R. verbüßt gerade eine Bewährungsstrafe wegen Brandstiftung.
Beruflich fühlt er sich zu dieser Zeit "angekommen". Ab November 2010 nutzte er die Chance für ein Praktikum bei Radio Zwickau. Studio-Leiter Gunnar Tichy ist im Zeugenstand des Lobes voll über den Redaktionshelfer: "Er legte sich sehr ins Zeug. Ich hatte das Gefühl, unsere Arbeit war genau das, was er gern machen wollte."
Nur mit Frauen klappte es nicht recht. Immer wieder holte sich R. bei Kumpels Rat, wie man bei Frauen ankommt. "Wäre mal eine wirklich feste Beziehung entstanden, ohne egozentrische Selbstinszenierung, hätten sich seine Persönlichkeitsbesonderheiten vielleicht normalisiert", meint Gutachter Lammel. "Er war im sexuellen Bereich genauso orientierungslos wie auf anderen Gebieten. Er war auf der Suche, ist aber nie bis ans Ziel gekommen." In der Tatnacht habe er nur ein Ziel verfolgt: Sex mit einer hübschen Frau zu haben. "In seiner eigenen Unsicherheit hat ihn die strikte Ablehnung vollends verunsichert." Er nahm sich, was ihm verweigert wurde. Mit tödlichen Folgen.
Selten hat ein Strafprozess in der Region vom ersten bis zu letzten Tag die Zuschauer auf den fast immer voll besetzten Bänken so in den Bann gezogen, wie bei diesem Fall. Die Totenstille bei der Urteilsverkündung wurde nur durch Seufzer der Erleichterung angesichts des Strafmaßes unterbrochen. Richter Klaus Hartmann nahm sich fast eine Stunde Zeit, das Urteil zu begründen: "Die Gesamtschau der Indizien lässt nur einen Schluss zu: der Angeklagte handelte mit Tötungsvorsatz." Die besondere Schwere der Schuld begründete er unter anderem mit der Leichenschändung, den Diebstählen aus der Wohnung des Opfers und den Recherchen für Radio Zwickau zu seinem eigenen Verbrechen. "Er nutzte seinen Informationsvorsprung, um sich bei seinem Arbeitgeber in ein gutes Licht zu stellen."
Eine Antwort auf die Frage, warum Patrick R. vor genau neun Monaten derart ausrastete, lieferte der Prozess nicht. Sein Verteidiger wird Revision gegen das Urteil einlegen. Ob der Fall neu verhandelt wird, entscheidet der Bundesgerichtshof.


