Die alte Postkarte zeigt den Dorfkern von Weißbach. Rechts ist der Gasthof "Erbkretscham" zu sehen, links die Salvatorkirche. Die alte Postkarte zeigt den Dorfkern von Weißbach. Rechts ist der Gasthof "Erbkretscham" zu sehen, links die Salvatorkirche.

Foto: Privat/archiv

Der Gasthof "Erbkretscham" in Weißbach wartet auf einen Investor

Das historische Gemäuer hat eine bewegte Geschichte - seine Zukunft ist allerdings ungewiss

Weißbach. In der Küche des Gasthofes steht noch altes Geschirr mit dem roten Namenzug "Erbkretscham Weißbach". Am Tresen ist aber schon lange kein Bier mehr aus den Hähnen geflossen. Die alte Kuckucksuhr hängt an der Wand, und ein paar gerahmte Beweisstücke belegen, dass manch einem Skatspieler das Glück einen legendären Grand ouvert gebracht hat.

Ein Original stand am Tresen

"Die Wirtin hat damals selbst oft bis in die Morgenstunden mitgespielt", sagt Ortschronist Dietmar Hochmuth. Er kannte Elisabeth Günther selbst noch. "Sie war ein Weißbacher Original, wurde im Ort nur die Boder-Else genannt." Das handfeste Mädel, das den Laden von 1925 bis 1985 führte, hat auch gleich mal Raufbolde eigenhändig an die frische Luft befördert. Und wer in der Gaststätte fotografieren wollte, flog ebenfalls raus. Das hatte allerdings nichts damit zu tun, dass hier wahre Schätze die Wände zierten. Was der Onkel der Wirtin, Max Günther, von seinen Schiffsreisen aus aller Welt mitbrachte, fand als Dekoration Verwendung. Der Mann war als Koch bei der kaiserlichen Flotte zur See gefahren.

Schon die Mauern des x-mal umgebauten Hauses erzählen beim genaueren Hinschauen von der bewegten Geschichte des Hauses. Der Name "Erbkretscham" wird auf das slawische Wort "Karczam" (Gericht) zurückgeführt. Als solches war es um 1300 auch gebaut worden. Bis etwa zum Jahr 1706 wurde hier das Erbgericht für Weißbach, Hermannsdorf und Neudörfel abgehalten. Die Richter wurden durch die Grafen zu Solms-Wildenfels ernannt, die auf ihrem Landesterritorium das "uneingeschränkte Recht über Hals und Kopf zu richten" besaßen. Dietmar Hochmuth kann anhand historischer Aufzeichnungen lückenlos die Namen der Dorfrichter zwischen 1498 und 1706 belegen. Dann mussten die Grafen zu Solms die chursächsische Landeshoheit anerkennen, damit gelangte die Gerichtsbarkeit in die Hände der Landesjustiz.

Anja Roocke liegt der alte Gasthof sehr am Herzen. Sogar das Kaffeeservice mit dem Namen der Gaststätte existiert noch. Anja Roocke liegt der alte Gasthof sehr am Herzen. Sogar das Kaffeeservice mit dem Namen der Gaststätte existiert noch.

Foto: Hans-Peter Kuppe

Unzucht wird hart bestraft

Was im "Erbkretscham" angeprangert wurde, liest sich heute mit einem Schmunzeln. Da belegten die Schöppen einige Ackerbauern mit öffentlicher Rüge, weil sich der Zustand ihrer Miststellen als "jämmerlich" erwies. Unmoralische voreheliche Beziehungen wurden mit drei Tagen "Stock" (Gefängnis) für den Burschen bestraft, dem Mädchen drohten drei Tage Pranger und Halseisen. Im Wiederholungsfall vervierfachte sich die Strafe. Und das Rauchen, das mit dem Dreißigjährigen Krieg die Gegend eroberte, blieb bis ins 19. Jahrhundert untersagt. Noch bis 1820 weisen die Strafregister Fälle aus, bei denen rauchenden Übeltätern eine Strafe von fünf oder zehn Groschen aufgebrummt wurde, wenn man sie im Haus oder auf der Straße erwischte. Ein Ehemann, der 1798 Misshandlungen an seinem Weibe verübte, löhnte zwei Taler und 12 Groschen. Zu amtlichen Anlässen saßen die "Geschworenen" an einer reich verzierten Säule mit Blick zur aufgehenden Sonne und fällten ihr Urteil in "Huld und Gnade".

Die Säule gibt es längst nicht mehr. Viele Male ist das Gemäuer umgebaut worden, diente auch mal als Pferdestall für jene Vierbeiner, die die Postkutschen zogen. Mit der Errichtung des neuen Gemeindeamtes am Brühl verlor das Haus auch seine Bedeutung als Gemeindeverwaltung. Hier fanden Tanzveranstaltungen statt, die zur Einhaltung der Moral überwacht wurden. Bleiglasfenster belegen, dass es im Ort mal einen Jungfrauenverein und einen Weinverein gab. "Hier sind oft die Kaufleute abgestiegen, die auf dem Frühbusser Steig unterwegs waren", sagt Hochmuth. In DDR-Zeiten diente der Saal auch als Kino. Auch der Konsum war mal Verwalter der Gaststätte. Legenden der DDR-Rockmusik schwitzten hier auf der Bühne, nach der Wende spielten die Randfichten und die Lausbum.

Der Besitzer hat vor Jahren den Schlüssel umgedreht. Seitdem hält das Gemäuer Dornröschenschlaf. "Jetzt hoffen die Weißbacher, dass sich ein Investor findet, der in den historischen Mauern möglichst wieder eine Gaststätte einrichtet", sagt Anja Roocke vom Kirchberger Immobiliendienst. Sie will das Objekt vermarkten und ihm dadurch neues Leben einhauchen.

 
erschienen am 07.08.2012 ( Von Hans-Peter Kuppe )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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