Das erstmals aufgestellte Riesenrad wurde von den Zwickauern begeistert aufgenommen - außer vielleicht von Robert Schumann.
Foto: Ralph Köhler
Die Party erfasst alle
170.000 Menschen haben das Zwickauer Stadtfest besucht
Zwickau. Als der Tourbus am Morgen vorfährt, räkelt sich Zwickau noch im Bett. Nach dem sehnt sich auch Stefanie Heinzmann. Für die Sängerin sieht der Plan aber eine Probe für den samstagabendlichen Auftritt auf dem Hauptmarkt vor. Die Müdigkeit, die sie nach der Fahrt von Göttingen spürt, wo die 22-Jährige tags zuvor sang, trinkt sie mit Koffein aus der Dose weg. Als die Probe vorbei ist, geht Heinzmann ins Hotel und legt sich erstmal hin.
Für Dieter Rudolph ist an ein Nickerchen nicht zu denken. Es gibt viel zu tun. Seinem Schwiegersohn, dem Zwickauer Veranstaltungslogistiker Ralf Schwartz, hilft er, dass das Stadtfest reibungslos läuft. Reibungslos heißt zum Beispiel: dass an den Getränkewagen der Zapfhahn nicht versiegt. "Wir machen die Logistik für das gesamte Stadtfest", sagt Schwartz. Zehn Männer arbeiten rund um die Uhr in zwei Schichten vor der Bühne, zwei weitere dahinter. Dazu Schwartz, Sohn Marcel und ein Mitarbeiter, die zwischen Limo-Kästen, Plastikbechern und 50-Liter-Bierfässern den Überblick behalten. Dieter Rudolph ist einer der zehn Männer vor der Bühne, einer fürs Grobe. Ob er mit seinen 76 Jahren noch die schweren Fässer vorbeibringt, wenn an einem Getränkeausschank das Bier knapp wird? "Ja. Was irgendwie geht, mach ich noch mit", sagt Rudolph. Doch bei aller Kraft, die er in 27 Jahren Bergbau in seinen Körper gepumpt hat: Am frühen Abend beweist er Fingerspitzengefühl. Als halb sieben auf dem Hauptmarkt die Bänke weggeräumt werden müssen, damit bei den Konzerten kein Besucher stolpert, beruhigt er jene Gäste, die partout nicht aufstehen wollen. "Ich versuche es immer mit gut zureden", sagt er.
Maximilian Lehmann würde mit dieser Taktik nicht weit kommen. Als sein Trainer ihm am Freitag offenbart, dass er einen Prügelknaben fürs Stadtfest braucht, ist klar, dass er in jedem Fall eins auf den Deckel bekommt. "Mein Kendo-Partner ist ausgefallen", sagt Holger Welt vom Verein Samurai Sport Westsachsen. Also schlüpft Lehmann, der eigentlich Karate lernt, am Samstagnachmittag in die Rüstung für den japanischen Schwertkampf und lässt sich bei den Schauvorführungen auf dem Haupt- und dem Kornmarkt Schläge auf Kopf, Arme und Hüften geben. Ob er blaue Flecken davongetragen hat? "Ich weiß gar nicht", sagt der 17-Jährige und sieht an sich herunter, "ich spüre die Treffer gar nicht mehr, habe mich durch Karate daran gewöhnt". Viel mehr zu schaffen macht ihm und seinen 15 Mitstreitern, dass die Böden auf den beiden Bühnen so stark aufgeheizt sind. Weil die Sportler barfuß gehen, verbrennen sie sich die Füße.
Die Hitze ist allgegenwärtig, der Besucherstrom rollt träge. Rumba tanzen an der Peter-Breuer-Straße? Dann doch lieber ein Eis. Oder eine erfrischende Fahrt mit dem Riesenrad. Für Mandy Haueis gibt es nichts von beidem. Ihre Freundinnen entscheiden, wie für die 22-Jährige der Tag verläuft. Dass Haueis nächste Woche heiratet, wollen sie mit einem Junggesellinnenabschied feiern. In den Bauchladen haben sie ihr Gummibärchen, Vanilleduschgel und Schnaps getan, die sie vornehmlich an den Mann bringen und dafür Trinkgeld für die Freundinnen verdienen soll. "Passanten dürfen sich auch Lieder wünschen, die ich dann singen muss", sagt Mandy Haueis, nachdem sie gerade vor den Arcaden zur Musik eines Akkordeonspielers getanzt hat. "Den habe ich zu dem Auftritt überredet, indem ich gesagt habe, dass wir bei den Einnahmen halbe-halbe machen", sagt die Vogtländerin. Jeder macht am Ende 50 Cent Gewinn.
Gewonnen haben auch Angelique und Desirée Dekoj. Nämlich ein Treffen mit Stefanie Heinzmann, die inzwischen ausgeschlafen hat. Eine Stunde vor dem Auftritt der Schweizerin dürfen die Schwestern aus Werdau mit ihr reden. Einen kleinen Blumenstrauß haben sie mitgebracht, Heinzmann freut sich wie ein kleines Mädchen. Während sie wieder eine dieser Dosen mit Koffeininhalt öffnet, erzählt die Sängerin mit dem Ring in der Lippe, dass ihre Autogrammkarten leider nass geworden sind - siehe Koffeingetränk. Und fragt: "Was ist das heute eigentlich für eine Veranstaltung?" Dann plaudert sie locker über Stefan Raab, der sie 2007 entdeckt hat und dessen Casting-Show sie gewann. "War cool", sagt Angelique Dekoj nach dem Treffen. Das Konzert genießen sie dann wieder mit allen anderen.
Ein Genuss ist das Stadtfest auch für Lars Zschieschang. Wie im Vorjahr ist er nicht als Besucher da. Mit seinen Mitarbeitern des Ordnungsamtes wirft er ein wachsames Auge auf die Fete. "Das ruhigste Stadtfest, das wir bisher hatten", nennt er am späten Sonntagnachmittag jene vier Tage, die er vornehmlich aus dem ersten Stock des Rathauses miterlebt hat. Vereinzelt eine Keilerei, mal einer, der zu tief ins Glas geschaut hat - mehr fällt ihm nicht ein. Dass die Bilanz auch nach dem Konzert mit Thomas Godoj am Abend positiv ist: Zschieschang hofft es. Kurz nach Mitternacht, wenn die Ordnungshüter eine letzte Runde über das Gelände gedreht haben werden, will er sie heim schicken - ins Bett.


